23. Januar 2010 : Tag 6: Tod im Klassenzimmer

69 Mädchen und Jungen haben den Einsturz der Schule von Carrefour überlebt – fast 300 sind verschüttet.

von
Haiti
Eine eingestürzte Schule. -Foto: dpa

CarrefourDie Kathedrale hat leuchtende Farben. Aber die Zeichnung in dem A5-Schulheft ist noch nicht fertig. Stanley Charles wird sie aber wohl nicht mehr zu Ende bringen. Sein Heft ist einer der einsamen Zeugen des Erdbebens vor gut einer Woche in Haiti. Hier oben auf einem steilen Hügel von Carrefour, rund anderthalb Autostunden westlich von Port-au-Prince, hat die Erde die Kinder der Schule St. Francois de Salle verschluckt. 150 tote Mädchen und Jungen haben sie bisher aus dem Trümmerberg gezogen, 69 Kinder konnten Lehrer und die sofort herbeigelaufenen Eltern noch lebend bergen. Auch fünf Schwestern des Ordens und vier Lehrer haben ihr Leben verloren, als das Schulgebäude in sich zusammenfiel. Nur die offenbar aus besserem Beton gemachten Klohäuschen stehen noch – und die große grüne Kapelle nebenan.

Wie viele Kinder noch unter den bizarr verbogenen Gittern, den grünen und braunen Schulbänken, den ins Nirgendwo führenden Treppen, den zerbrochenen Tafeln und den bunten Spielzeugtäfelchen liegen, will hier niemand aussprechen. Normalerweise sind nachmittags 350 Kinder zwischen sechs und 17 Jahren in der Schule gewesen.

Oben auf dem nur über einen sehr steilen Weg zu erreichenden surrealen Hut aus Schutt, Kinderheften und Klassenarbeiten suchen einige Schwestern in blauer Tracht mit Hilfe von Bauern aus der Nachbarschaft noch eine Woche nach der Katastrophe mit den Händen nach Opfern und Wertvollem, das sie retten können. Im vergangenen Jahr hatte der haitianische Orden Les Petites Soeurs de St. Thérèse de l’Enfant de Jesus seinen 60. Geburtstag gefeiert – jetzt sind die verbliebenen 55 Schwestern traumatisiert. Sie haben sich auf einen Hof ein Stückchen weiter zurückgezogen und möchten dort keinen Besuch. Heute rasen sie mit einem Pick-up über die Ausläufer der Trümmer zu ihrem Refugium – ein Wasserlaster hat ein paar hundert Meter weiter unten haltgemacht, bis dort oben schafft er es nicht. Sonst, sagt Marie-Antonyne Juste, die Assistentin der Schwestern, sei ihnen noch niemand zu Hilfe gekommen.

Ganz oben, da, wo der Trümmerberg flach ist und noch eine Schaukel steht, sitzt eine Schwester mit tüllgeschmücktem Hut, Handy am Ohr und starrem Blick auf das, was einmal ihre Schule war. Nebenan auf einer verstaubten Getränkekiste liegt ein goldfarbenes Glockengebinde, ein paar Meter weiter graben Männer im Schutt. Um den Geruch zu überdecken, haben sie Feuer angezündet. Auf dem Weg dorthin grüßt aus einem zusammengesackten Klassenraum Minnie Mouse mit einem „Bienvenue“ – auch hier sind die Trümmer mit Heften übersät. Unter einem kleinen Baum liegt mitten zwischen den mit Ronaldo und der argentinischen Nationalmannschaft geschmückten Heften ein Puppenbein, der Torso dazu hängt in einer Astgabel darüber. Was ist aus den Kindern geworden, deren Hefte hier wie eine Klageschrift vom Wind auf- und zugeblättert werden? Wann, scheinen sie stumm zu fragen, werden hier wieder Kinder in die Schule gehen? Auch die Schulleiterin wurde begraben – und man kann sich kaum vorstellen, wie in diesem unwegsamen Gelände all diese traurigen Trümmer weggeschafft werden sollen.

Jetzt aber brauchen erst mal die überlebenden Schwestern Hilfe. Jürgen Schüblin von der Kindernothilfe ist erschüttert. Keiner seiner Partner wurde so schlimm getroffen wie die Schwestern mit ihrer Schule. „Das ist mindestens so schlimm wie damals in Beslan“, sagt er mit in der Hitze zerfranstem Haar. Die Frauen bräuchten ganz dringend psychologische Unterstützung. Zunächst aber sinnt er über einen Trick nach, wie man Essen verteilen könnte, ohne dass es zu Ausschreitungen kommt. Er will in der Nähe Zucker, Salz, Öl, Bohnen und andere Lebensmittel, Seife und Shampoo besorgen und den Schwestern zur Verfügung stellen, damit sie es an die Menschen verteilen können. „Ganz so, wie sie es machen. Im Stillen.“ Bei den Schwestern werde es keine Ausschreitungen bei der Essensverteilung geben, die es im Moment selbst bei von UN-Soldaten begleiteten Verteilungen in der Hauptstadt gibt, so dass sie öfter abgebrochen werden müssen. Wenn die Schwestern wieder anderen helfen könnten, werden sie auch in der Lage sein, ihr eigenes Trauma zu verarbeiten, sagt Jürgen Schüblin.

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