Besser als der keusche Kuss von Hélène

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25 Jahre Game Boy : "Ich halte das für echt gefährlich!"
Super Mario - ein schon sprichwörtlicher Held.
Super Mario - ein schon sprichwörtlicher Held.Foto: AFP

Im Sommer 1994 war ich für einen Tag in Carcassonne. Was habe ich für herrliche Erinnerungen an diese Stadt mit ihrer mittelalterlichen Festung. Auf der Autofahrt dorthin habe ich nämlich König Totomesu geschlagen und damit erstmals Level 4 von Super Mario Land erreicht. Es war ein wunderbares Gefühl und vermutlich der prägendste Moment der zwei Wochen, die ich in Südfrankreich verbrachte – mehr noch als der keusche Kuss, den mir die bezaubernde Hélène bei einem späteren Besuch der Airbuswerke hinter einer der ausgestellten Turbinen gab. Denn ich war 14 Jahre alt, als ich zu einem Schüleraustausch in Toulouse weilte, und ich war Spätentwickler – was Computerspiele betraf. Einen eigenen Computer besaß ich nicht, einen Game Boy schon gar nicht. Solch neumodischen Schmarrn lehnten meine Eltern ab.

Und ich, entsprechend indoktriniert, eigentlich auch. Bis zu jenem Sommer. Mein Austauschpartner Guillaume, ein bleicher, rotschöpfiger Junge mit Monobraue und Schwänzchen im Haar, besaß einen Game Boy, an dem er längst jedes Interesse verloren hatte. So hatte ich freie Bahn, wie auch die Sucht sich Bahn brach. Täglich kämpfte ich mich stundenlang durchs Sarasaland, bis mir das Gerät einschlafend aus der Hand fiel, und nachts träumte ich davon, Prinzessin Daisy aus den Klauen des bösen Außerirdischen Tatanga zu befreien. Besseres hatte ich eh nicht zu tun, da Guillaume sich nach einem langen Schultag noch bis zum Abend im Zimmer einschloss, um zu pauken. Ich hingegen perfektionierte meine Fingerfertigkeiten im zweiwöchigen Game-Boy-Trainingslager und ignorierte das Stirnrunzeln meiner Austauscheltern, wenn ich bei Ausflügen keine Augen für die Schönheit der Landschaft hatte. Am Ende hatte ich Level 9 geschafft, ein Meilenstein meiner frühen Jugend.

Auf der Rückreise im Bus griff meine Hand immerzu ins Leere, erstes Symptom heftiger Phantomschmerzen. Für einen neuen Game Boy wäre ich wohl freiwillig nach Hause gelaufen. Doch mit etwas Abstand überstand ich den Entzug ohne Schäden. Auch weil bald eine lebensverändernde Erkenntnis in mir reifte: Mit den Hélènes dieser Welt zu spielen, ist am Ende doch wesentlich erfüllender. Jannis van Oy

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