Welt : 45 Frauen bei Klinikbrand gestorben

Ein Moskauer Krankenhaus hat die Feuerschutzbestimmungen krass missachtet

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Moskau - Bei einem verheerenden Brand in einer Moskauer Klinik für Suchtkranke sind in der Nacht zum Samstag 45 Frauen ums Leben gekommen. Unter den Toten waren nach Angaben der Behörden 43 Patientinnen und zwei Pflegerinnen. Darüber hinaus gab es zehn Schwerverletzte, von denen mehrere am Samstag noch in Lebensgefahr schwebten. Das Notfallministerium in Moskau ging nach den ersten Untersuchungen am Brandherd davon aus, dass es sich um einen Fall von Brandstiftung handelte. Die Schutzbestimmungen wurden nach Einschätzung des Moskauer Feuerwehrchefs Viktor Klimkin in krasser Form missachtet.

Die 17. Moskauer Drogenklinik liegt im Südwesten der russischen Hauptstadt. Der Brand brach um 1.40 Uhr Ortszeit (Freitag 23.40 Uhr MEZ) in der Frauenabteilung aus. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 177 Patienten und 15 Betreuer in dem Gebäude. Die Fenster der Klinik für Suchtkranke waren mit Sperrgittern verriegelt. Die Wände des Gebäudes, das in den 50er und 60er Jahren errichtet wurde, waren mit Plastik verkleidet. Dadurch habe sich nach den ersten Ermittlungen ein besonders giftiger Qualm entwickelt, erklärte Klimkin. Viele der Toten hätten durch die Vergiftung wahrscheinlich schnell das Bewusstsein verloren.

Die Feuerwehr sei vier Minuten nach dem ersten Notruf vor Ort gewesen, sagte der Vizeminister für Notfallsituationen, Alexander Tschuprijan. 20 Löschfahrzeuge aus ganz Moskau waren im Einsatz. Wenn das Personal „angemessen reagiert hätte“, hätte die Zahl der Opfer weit niedriger liegen können, kritisierte er.

„Es war Brandstiftung, zu 90 Prozent“, sagte Juri Nenaschew von der Brandschutzabteilung des Notfallministeriums. „Der Brand entstand in einem abgeschlossenen Bereich.“ Dort habe es keine Kochstellen oder Kabel gegeben, sondern lediglich ein Holzregal. Dieses habe als Erstes gebrannt – „und das weist auf Brandstiftung hin“, sagte Nenaschew. Auch Bürgermeister Juri Luschkow, der den Unglücksort am Morgen besuchte, ging von einem gezielt gelegten Brand aus. Ermittler vermuteten, eine Kranke auf Entzug könnte den Brand absichtlich gelegt haben.

Die panikartige Flucht des Personals und gravierende Verstöße gegen den Brandschutz ließen den Eingesperrten nach Einschätzung der Behörden keine Chance. Das Klinikpersonal sei bei dem Feueralarm geflohen und habe die Patientinnen nicht gerettet, sagte Tschuprijan. „Es gab nur einen Notausgang, der andere war komplett verschlossen, so dass niemand das Gebäude verlassen konnte.“ Auch durch die vergitterten Fenster konnte niemand fliehen. Erst die eintreffenden Feuerwehrleute hätten mit der Rettung der Eingeschlossenen begonnen.

Der Moskauer Staatsanwalt Juri Sjomin leitete ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf Brandstiftung ein – und ein zweites wegen Brandschutzverstößen mit Todesfolge gegen die Klinik.

Die Brandschutzbehörde hatte in dem Krankenhaus schon im März schwere Sicherheitsmängel festgestellt und die Schließung der Einrichtung beantragt. Schon damals habe das Personal die Schlösser an den Fenstern nicht öffnen können, sagte Brandschutzchef Klimkin. Ein Gericht habe es jedoch bei einer Verwarnung für die Klinikleitung belassen.

Verstöße gegen den Brandschutz führen in Russland immer wieder zu Feuerausbrüchen mit tragischen Folgen. Die Brandschutzbeamten nutzen ihre Kontrollen mehr zum Erpressen von Schmiergeld als zur Überprüfung der Sicherheit. Im Gegenzug ignorieren Firmen und öffentliche Einrichtungen die Bestimmungen. Notausgänge werden verriegelt oder zugestellt, Löschgerät wird nicht überprüft. Aus Angst vor Diebstahl sind in fast allen russischen Gebäuden die Fenster vergittert. In der Suchtklinik seien die Fenster verschlossen gewesen, um Fluchtversuche, Selbstmorde und das Einschmuggeln von Drogen zu verhindern, sagte ein Beamter der Gesundheitsverwaltung. Verschlossene Notausgänge hatten auch bei dem katastrophalen Brand 2003 in einem Studentenwohnheim zu 44 Toten und über 150 Verletzten geführt. AFP/dpa

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