500. Jahrestag : Als Venedig die Juden ins Ghetto zwang

Am 29.März 1516 beschloss Venedig, dass Juden zukünftig in einem eigenen Stadtviertel leben sollten. Ausgrenzung ist allerdings nicht die ganze Geschichte.

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Der Ort, der Ausgrenzung und Verfolgung den Namen gab: Venedigs Ghetto ist 500 Jahre alt.
Der Ort, der Ausgrenzung und Verfolgung den Namen gab: Venedigs Ghetto ist 500 Jahre alt.Foto: Alessandro Bianchi/Reuters

Venedig hat die Sache nicht erfunden, die Frankfurter Judengasse zum Beispiel ist ein halbes Jahrhundert älter. Doch Venedig gab der Verfolgung einen Namen. Vor 500 Jahren, am 29. März 1516, dekretierte der Senat der Seerepublik, dass Venedigs Juden künftig in einem abgeschlossenen und von den Behörden überwachten eigenen Viertel zu leben hätten, dem „Geto“. Ein ungesunder Ort, der seinen Namen höchst wahrscheinlich den dort, im Stadtbezirk Cannaregio, ansässigen Gießereien verdankte. Als einigermaßen sicher gilt, dass zugezogene deutsche Juden für seine Aussprache verantwortlich waren: Für sie war das italienische „G“ kein "italienisches „dsch“, sondern ein deutsches – weshalb das „h“ hinter dem ersten Buchstaben nötig wurde.

Erst mit der Republik endete das Ghetto

Um die jüdischen Venezianer im „Geto Nuovo“ zwangsweise zu konzentrieren, vertrieben die Behörden rasch alle anderen Bewohner. Deren Häuser gingen – zum höheren Preis – an die neuen Bewohner, mehrere hundert jüdische Familien aus allen Teilen der Stadt. Den Zugang zu dem nur etwa ein Hektar großen Areal regulierten zwei Tore, die morgens beim Schlag der Glocke von San Marco geöffnet und um Mitternacht verschlossen wurden, von vier christlichen Wächtern, die die jüdische Gemeinschaft selbst bezahlen musste. Nachts ließ der Rat der Zehn, die mächtige Polizei- und Justizbehörde der Serenissima, pausenlos zwei Boote rings um das Ghetto patrouillieren, angeblich um dessen Sicherheit zu garantieren. Die Bewohner hatten kaum Rechte, weder das auf Eigentum und einen Beruf noch durften sie Politik machen. Und sie waren gezwungen, auf engstem Raum zu leben. Die bis zu siebenstöckigen Häuser, die höchsten Venedigs, zeugen davon bis heute. Erst das Ende der Republik besiegelte auch das Ende des Ghettos. Einen Monat, nachdem der letzte Doge unter dem Druck von Napoleons Truppen sein Amt niedergelegt hatte, verbrannten die Franzosen die Tore des Ghettos, die Juden wurden Bürger mit gleichen Rechten.

Zentrum jüdischer Buchproduktion

Verständlich also, dass Italiens Juden die Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag mit mindestens gemischten Gefühlen sehen: „Juden empfinden keinerlei Nostalgie für das Ghetto“, sagt der Vorsitzende der italienischen Union jüdischer Gemeinden, Renzo Gattegna. „Das Ghetto steht für Ausgrenzung. Wir feiern deshalb nicht, sondern wir erinnern an eine bleibende Tragödie.“
Das tun stattdessen die Stadt Venedig und die Region Venetien. Unter anderem sind rings um den Jahrestag Aufführungen von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ auf dem zentralen Campo del Ghetto Nuovo geplant, ein Israeli dirigiert das Orchester von Venedigs Opernhaus „La Fenice“ und im Dogenpalast öffnet im Mitte Juni eine Ausstellung über „Venedig, die Juden und Europa“, die den Jahrestag zum Anlass nimmt, wie die Macherinnen schreiben, „die reichen Beziehungen der Juden zur Stadt und ihrer Gesellschaft“ über die Jahrhunderte hinweg nachzuzeichnen.
Tatsächlich ist Ausgrenzung nicht die ganze Geschichte des Ghettos von Venedig. Die Lagunenstadt blieb auch nach 1516 ein Anziehungspunkt für verfolgte Juden aus ganz Europa und dem Mittelmeerraum. Die Stadtregierung hatte großes Interesse an den Handelsbeziehungen der jüdischen Venezianer und ließ ihnen alle Möglichkeiten, sie zu nutzen. Innerhalb des Ghettos genossen sie zudem relative Autonomie, ihre Angelegenheiten zu regeln, und völlige Freiheit, ihre Religion zu leben – was zeitweise den Neid von Venedigs Griechen erregte, die sich ähnliche Rechte erbaten. Im Ghetto fanden nicht nur die Juden aus Deutschland Schutz, die frühesten und ärmsten Zuzügler, die ihren Lebensunterhalt oft als Lumpensammler verdienten. Auch Juden aus dem Osmanischen Reich kamen und zwangsweise zum Katholizismus bekehrte spanische Juden, die in Venedig zu ihrem Glauben zurückkehren konnten. Venedig wurde zum Zentrum jüdischer Literatur und jüdischen Buchdrucks.

Ein Wort, mehr deutsch als italienisch

Der Historiker Riccardo Calimani, Spezialist für die Geschichte des italienischen Judentums, dessen Familie selbst dem Ghetto entstammt, erinnerte kürzlich in „La Repubblica“ daran, dass die Sperrstunde etwa für Ärzte nie gegolten habe. „Jüdische Ärzte waren die meistgeschätzten.“ Sie durften im Notfall zu jeder Zeit zu Patienten überall in der Stadt. Und über die fast 300 Jahre seines Bestehens lockerten sich die Zwänge auch für andere Bewohner, das Wohnen außerhalb wurde üblich. Napoleons Truppen fanden das Ghetto 1797 halbleer vor.
Es sollte dann noch einmal mehr als 70 Jahre dauern, bis das letzte europäische Ghetto schloss, auch dieses in Italien. Das Ende des Kirchenstaats und die Einheit Italiens befreite auch die Juden Roms, die Papst Paul IV. 1555 am Tiberufer zusammengepfercht hatte.
Ein vorläufiges Ende: Mit „Ghetto“ verbinden sich heute Namen wie Theresienstadt oder Warschau, die Vorhölle zur Vernichtung. Das Wort, das verfolgte deutsche Juden in Venedig Jahrhunderte zuvor mitgeprägt hatten, klingt heute endgültig mehr deutsch als italienisch.

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