Welt : 80 Tage Hölle

Sabine Dardenne wurde als Zwölfjährige von Dutroux gefangen gehalten – jetzt sagte sie gegen ihn aus

Klaus Bachmann[Arlon]

Eigentlich ist die Zeugin mit ihrer Aussage bereits fertig. Der Gerichtsdiener hat ihr von dem etwas zu hohen Zeugensitz heruntergeholfen und sie ist dabei, den Saal zu verlassen, da ruft der Vorsitzende Richter Stephane Goux Sabine Dardenne noch einmal in den Saal zurück. Marc Dutroux’ Ex-Frau Michelle Martin wolle ihr noch etwas sagen. Sie hat alles getan, was ihr Mann von ihr wollte. Sie hat seine sexuellen Ausschweifungen geduldet wie die Entführung und Vergewaltigung von sechs Mädchen. Sie war im Haus, als die zwölfjährige Sabine 80 Tage in ihrem Keller eingekerkert war. Die Mutter von drei Kindern hat keinen Finger gerührt. Erst in der U-Haft ließ sie sich scheiden.

Nun steht sie in ihrer Glaszelle und wendet sich an Sabine, heute 20: „Ich wollte mich entschuldigen“, sagt sie, doch es klingt, als habe sie der Zeugin beim Einkaufen zu wenig Wechselgeld herausgegeben. „Ich bedaure das unendlich.“ Das hat sie schon ein paar Mal so gesagt. Sie zeigt keine Regung, sie stellt einfach nur ihr Bedauern fest. Sabine, ganz fröhlicher Teenager, der keine Umstände machen will, ist wieder in ihren Zeugenstand geklettert. „Ja, ist gut“, sagt sie. „Sie haben alles gewußt, von Anfang an und sie haben nichts getan, Sie, als Mutter einer Familie. Glauben Sie bloß nicht, daß ich Ihnen das vergebe.“ Michelle Martin steht immer noch. „Ich weiß. Ich verstehe selbst nicht, warum ich Dutroux nicht angezeigt habe. Ich will auch nur, dass Sie das hören.“ Es klingt wieder, als deklamiere sie einen auswendig gelernten Text. „Ich bitte gar nicht um Vergebung, ich weiß, das kann man nicht vergeben.“ Da ist Sabine mit ihr einig: „So ist es.“

Dem Täter in die Augen geschaut

Sie lacht wieder beim Hinausgehen. Es ist ein fröhliches Lachen. Wer hat an diesem Tag nicht ein Opfer erwartet, ein von Folter gezeichnetes Mädchen, ein menschliches Wrack womöglich? Aber da geht Sabine Dardenne, ein Teenager voller Lebensfreude, humorvoll und gelöst und schüttelt ihre Opferrolle ab. Respekt äußert einer der Verteidiger von Dutroux. Keiner der Angeklagten sagt etwas. Der Saal ist sprachlos. So etwas hat es in den acht Prozesswochen noch nicht gegeben. Wie schafft man das?

Als Marc Dutroux und sein drogenabhängiger Kumpan Michel Lelievre Sabine Dardenne am 28. Mai 1996 entführten, radelte sie mit dem Fahrrad zur Schule. Dutroux habe sie vom Fahrrad gezogen und ihr ein starkes Schlafmittel verabreicht, berichtet sie. Doch Sabine schluckte nur einen Teil davon – das Bewusstsein hat sie so während der gesamten Entführung nicht verloren, auch nicht, als Dutroux sie in einen engen Kasten zwang, um sie ins Haus tragen zu können. Dann wurde sie auf einem Bett in der ersten Etage nackt ans Bett gekettet. Auf dem gleichen Bett wurde sie vergewaltigt, auf dem gleichen Bett verbrachte Dutroux seine Nächte, wenn er im Haus war. Als sie nach drei Tagen in das Kellerloch gesperrt wurde, sei sie froh gewesen. Er hatte ihr weisgemacht, er schütze sie vor einem „bösen Boss“, der sie töten wolle, weil ihre Eltern das geforderte Lösegeld für sie nicht bezahlen wollten. Dafür musste sie Pornofilme mit ihm sehen.

Richter Stephane Goux geht sehr behutsam mit der Zeugin um. „Wenn Sie über die sexuellen Handlungen sprechen wollen, die der Angeklagte ihnen angetan hat, können Sie das tun, aber es ist nicht nötig. Wir haben ja Ihre Aufzeichnungen, da ist das sehr detailliert. Sie müssten uns nur bestätigen, dass die exakt sind.“

Sabine Dardenne tut es mit einem Satz. Es klingt nicht, als wolle sie ausweichen. Dann erzählt sie, was sie in den 80 Tagen in dem Kellerloch getan hat: „Ich habe meine Hausaufgaben gemacht“, sagt sie schlicht, „ich hatte ja meinen Schulranzen dabei“. Manchmal durfte sie fernsehen, und sie las Bücher, die ihr Dutroux vom Dachboden holte. „Sie sind ein starker Charakter", meint Richter Goux an einer Stelle. Es klingt wie eine Untertreibung.

Sabine Dardenne hat die schwere Betontür ihres Verlieses geöffnet, „leider ging nicht mehr durch als mein Kopf, die Tür war kaputt.“ Sie hat sich geweigert, Dutroux’ Konserven zu essen, „kalt wollte ich die nicht, und gekocht hat er sie nicht.“ Für den Hauptangeklagten ist ihre Aussage vernichtend, so unverkrampft sie auch erscheint: Sie widerlegt seine Behauptung, die beiden achtjährigen Mädchen Julie und Melissa, Dutroux’ erste Opfer, hätten in dem Kellerloch überleben können. Der Raum in dem Verlies habe gar nicht für genügend Vorräte ausgereicht. Sie habe die Konservendosen nicht öffnen können – also konnten es Julie und Melissa erst recht nicht. In den 80 Tagen ihrer Gefangenschaft war Sabine stets bei vollem Bewusstsein, und sie hat nie jemand anderen als Dutroux – und ein einziges Mal Michel Lelievre – gesehen. Keine Besucher, keinerlei Anzeichen einer größeren Konspiration oder der Existenz von Hintermännern.

Eigentlich ist sie mit ihrer Aussage fertig, doch ein Anwalt fragt, ob sie von sich aus noch etwas sagen wolle. Da wendet sich Sabine Dardenne direkt an Dutroux. Der habe sie immer als widerspenstig, als „Schweinecharakter“ bezeichnet. „Warum haben Sie mich dann nicht liquidiert?“ fragt sie sachlich. „Ich hatte nie die Absicht. Ich bekenne mich zu dem, was ich Ihnen angetan habe, dafür trage ich die Verantwortung“, schnarrt Dutroux, als habe er den Bürokratenton seiner Ex-Frau übernommen. „Was kann man von dem auch anderes erwarten“, quittiert Sabine das und klettert von ihrem Hocker.

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