9/11-Heldin : Alles frei erfunden

Die Geschichte von der angeblichen 9/11-Heldin Tania Head beschäftigt die amerikanische Öffentlichkeit.

New York - Kaum eine andere Geschichte beschäftigt die amerikanische Öffentlichkeit derzeit mehr als die Geschichte von Tania Head, der vermeintlichen 9/11-Heldin, die, wie berichtet, alles nur erfunden hat. Es klang herzzerreißend. Ein Frau im Südturm des World Trade Centers in New York überlebt schwer verletzt die Terrorattacken vom 11. September 2001, während ihr Verlobter im Nordturm bei dem Inferno ums Leben kommt. Tania Head hat diese Geschichte immer und immer wieder erzählt, jahrelang. Sie hat andere Opfer damit getröstet. Sie hat als Fremdenführerin am Ground Zero zahllosen Touristen das Unfassbare fassbar gemacht. Und sie hat als Präsidentin des angesehenen „Netzwerks der Überlebenden“ mit ihrem Schicksal um Spenden geworben. Jetzt hat die „New York Times“ Schilderungen der „Heldin“ als Lügen entlarvt. „Wir fühlen uns verletzt und betrogen – und traurig“, sagt Richard Zimbler, Heads Nachfolger an der Spitze des Vereins. Die „New York Times“ hat in einer langwierigen Puzzlearbeit herausgefunden, dass die Teile dieser ergreifenden Geschichte nicht zusammenpassen. Die Familie des angeblichen Verlobten weiß nichts von einer Tania Head. Die Bank Merrill Lynch, bei der sie gearbeitet haben will, hatte sie nie auf der Gehaltsliste. Und die Universitäten Harvard und Stanford, von denen ihre Abschlüsse stammen sollen, kennen den Namen nicht. Sie selbst scheint sich für alle Nachfragen von Medien wie in Luft aufgelöst zu haben. Und auch ihre Anwältin gibt keine Auskunft.

Ein Bericht der spanischen Zeitung „La Vanguardia“ unterstützt die Recherchen der „New York Times“. Danach heißt Tania Head mit richtigem Namen Alicia Esteve Head und kommt aus Barcelona. Sie stamme aus einer katalanischen Unternehmerfamilie, schrieb das Blatt weiter. Ihr Vater und ein Bruder seien 1992 in einen größeren Finanzskandal verwickelt gewesen und zu Haftstrafen verurteilt worden. Alicia Esteve habe von 1998 bis 2000 in Barcelona als Chefsekretärin für einen internationalen Konzern gearbeitet. Arbeitskollegen von damals bescheinigten der Frau einen „schwierigen Charakter“. Sie habe stets danach gedrängt, im Mittelpunkt zu stehen. Sie habe übertriebene oder erfundene Dinge aus ihrem Leben erzählt. Die Verletzungen, die sie sich bei den Anschlägen in New York zugezogen haben will, stammten in Wirklichkeit von einem Autounfall, den sie in Barcelona erlitten habe.

Das „Netzwerk der Überlebenden“ hat die Präsidentin inzwischen fristlos entlassen. Dabei war die Frau lange Zeit das Aushängeschild des Vereins. Sie gab an, eine hochgebildete, weit gereiste Diplomatentochter zu sein, die unter anderem 2004 den Tsunami-Opfern in Asien und den „Katrina“-Hurrikanopfern in Louisiana vor Ort geholfen habe. Ganz gleich, was davon stimmt oder nicht, um Geld schien es der Frau nie zu gehen.

Ihre Erlebnisse vom 11. September schilderte sie vor Kollegen, Reportern und den Touristen am Unglücksort bis ins Detail: Wie sie an jenem strahlend blauen Spätsommertag den Aufprall der United- Airlines-Maschine im 78. Stockwerk des Südturms unmittelbar miterlebte. Wie ein junger Mann, der später selbst ums Leben kam, die Flammen an ihren Kleidern ausschlug und sie so rettete. Und wie sie nach fünf Tagen im Krankenhaus aus dem Koma erwachte – nur um zu erfahren, dass ihr Verlobter Dave im Nordturm gestorben war. Besonders anrührend war die Schilderung, wie ein sterbender Mann ihr in all dem Chaos des zerstörten Turms seinen Ehering anvertraute – mit der Bitte, ihn seiner Frau zurückzugeben. Niemand kam auf die Idee, dass Tania Heads Geschichte vielleicht zu gut war, um wahr zu sein. dpa

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