9/11 in Sarasota, Florida : Weltgeschichte im Klassenzimmer

In einer Grundschule in Florida lesen Kinder George W. Bush die Geschichte einer Ziege vor. Dann kommt ein Mann und flüstert dem Präsidenten etwas ins Ohr. Der guckt auf einmal komisch. Unsere Reporterin hat Zeugen dieses historischen Moments aufgespürt.

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Der Moment. Am 11. September 2001 um 9:06 Uhr erfährt George W. Bush in einem Klassenraum in Florida von den Anschlägen. Andrew Card, der Stabschef des Weißen Hauses, platzt in den Unterricht und flüstert dem Präsidenten die Hiobsbotschaft ins Ohr.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Reuters
04.09.2011 14:18Der Moment. Am 11. September 2001 um 9:06 Uhr erfährt George W. Bush in einem Klassenraum in Florida von den Anschlägen. Andrew...

Ein Hurrikan war angekündigt. Im Spätsommer passiert das öfter in Florida. Es stürmt auch schon ein bisschen, aber noch ist alles friedlich am Himmel, und im Colony Beach and Tennis Resort sowieso. Hier logiert George W. Bush, der die Vereinigten Staaten von Amerika seit nunmehr acht Monaten regiert. Vor der Luxusanlage liegt der blendend weiße Sandstrand von Longboat Key, einer kleinen vorgelagerten Insel südlich der Tampa Bay. Palmen werfen zwischen den Apartments ihre Schatten und umrahmen die Tennisplätze des Resorts, die Golfanlage liegt ganz in der Nähe.

Am frühen Morgen war der Präsident dort joggen, auch das Briefing mit seinen Beratern hat er inzwischen hinter sich. Heute, am 11. September des Jahres 2001, steht ein netter kleiner Termin an, Präsidentenroutine. George W. Bush will eine neue Bildungsinitiative vorstellen. 16 Zweitklässler erwarten ihn in der Kleinstadt Sarasota zu einer Lesestunde. Bush mag solche volksnahen Termine, einen Tag vorher hat er das gleiche Programm schon in einer Schule in Jacksonville absolviert. Ein paar freundliche Worte, Händeschütteln, ein Foto mit der Lehrerin hier und dem kleinen Schüler dort, bitte lächeln.

Als sich die schwarze General-Motors-Limousine des Staatskonvois um 8.45 Uhr vor die Emma-E.-Booker-Grundschule schiebt, kann Bush nicht wissen, dass diesmal anders kommt. Dass dieser 11. September der prägendste Tag seiner Präsidentschaft wird, vielleicht seines Lebens. Er wird Amerika verändern – und die Welt.

Während Bush in Florida mit dem Händeschütteln beginnt, steuert knapp 2000 Kilometer weiter nördlich ein Mann namens Mohammed Atta eine Boeing 767, Flug 11 der American Airlines, in den Nordturm des New Yorker World Trade Centers. Im Vorbeigehen raunt ein Mitarbeiter dem Präsidenten kurz darauf etwas von einem Flugzeugabsturz zu. Ein Turm des World Trade Centers sei betroffen, mehr wisse man noch nicht. Der Schultermin könne ablaufen wie geplant.

Eine zweite Maschine, United-Airlines-Flug 175, steuert geradewegs auf den Südturm des höchsten New Yorker Gebäudekomplexes zu. Im gleichen Augenblick, um kurz nach 9 Uhr, betritt George W. Bush mit einem freundlichen „Guten Morgen“ Klassenraum 301 der Grundschule in Sarasota. Ein Mädchen, das die meisten seiner Mitschüler überragt, sieht den Präsidenten mit großen Augen an.

Aus dem Mädchen ist inzwischen eine junge Frau geworden. Größer als die meisten Gleichaltrigen ist Mariah Williams immer noch, die 17-Jährige ist schlank und drahtig. Sie habe damals gar nicht glauben können, dass der Präsident wirklich ihre Schule besucht, sagt sie. „Erst, als er vor uns stand, war ich mir sicher, und ich freute mich.“ Seit drei Jahren besucht Williams nun die Militärakademie von Sarasota – das habe aber nichts mit ihrer Begegnung mit dem Präsidenten zu tun, wirft sie ein, noch bevor man danach fragt. Ein bisschen mehr Sport mache sie wohl, ansonsten gestalte sich der Unterricht kaum anders als an einer normalen Schule.

Williams selbst allerdings geht kaum als gewöhnliche Mitschülerin durch. Oft musste sie ihren Freunden die Geschichte von Bushs Schulbesuch erzählen, zuletzt wieder etwas öfter als sonst. Manchmal komme sie sich deshalb sogar ein bisschen berühmt vor, sagt sie. Dann richtet sie sich auf, streckt ihre Schultern nach hinten und macht sich noch ein Stück größer. „Ich war ja Teil eines ganz wichtigen Tages der Geschichte. Ich war mittendrin.“

Vieles erkennt sie nicht wieder, als sie zehn Jahre später an jenen kleinen Ort zurückkehrt, der große amerikanische Geschichte schrieb. Im Klassenraum 301 ist es ruhig, aufgeräumt, etwas stickig, außerdem sehe alles „irgendwie anders“ aus, findet Williams, sie muss schmunzeln. Die blauen Stühlchen kennt sie noch, aber wo sind die vielen Bilder? „Da drüben haben wir extra für Bushs Besuch ein Poster vom Weißen Haus aufgehängt. Das haben sie inzwischen wohl entfernt.“ Übrig geblieben ist ein großer weißer Fleck an der Wand.

So bunt geschmückt wie damals ist das Zimmer tatsächlich nicht mehr. Alles wirkt etwas heller und moderner, vier Computer stehen jetzt in einer Ecke, ein digitales Board hat die alte Schiefertafel ersetzt. Dort, direkt vor der Tafel, sagt Williams, habe der Präsident gesessen. Mit dem Kopf deutet sie auf die Stelle ganz vorn im Raum. Bush hörte zu, während Sandra Kay Daniels, die forsche Lehrerin, ihre Schüler einzelne Silben und Wörter vorlesen ließ. „Jedes Mal, wenn wir ein Wort richtig ausgesprochen hatten“, erinnert sich Williams, „nickte der Präsident und lächelte.“ R-o-b-b-e-r, k-i-t-e, k-i-t, s-t-e-a-l, p-l-a-y-i-n-g, m-u-s-t.

Dann hörte George W. Bush auf, zu lächeln.

Wie der Präsident auf die Nachricht reagiert und wie andere Zeitzeugen den Tag erlebten, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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