Welt : Abergläubisch?: Manche fürchten schwarze Katzen

Blaue Hemden bringen Glück. Das wissen wir von Ewald Lienen, dem Trainer des 1. FC Köln. Woche um Woche stand er in seinem hellblauen Hemd an der Seitenlinie. Selbst bei Eiseskälte trug er kein Jackett - und der FC gewann ein Spiel nach dem anderen. "Da ist etwas Aberglauben dabei", gestand Lienen. "Ich stehe im Hemd seit Saisonbeginn am Spielfeldrand. Und da wir immer erfolgreich sind, halte ich an dieser Marotte fest." Inzwischen kicken die Kölner wieder in der Ersten Liga. Das blaue Hemd hat ihnen offenbar Glück gebracht.

Viele Sportler sind abergläubisch. Oliver Bierhoff küsst das Bild einer Madonna und bekreuzigt sich nach jedem Tor. Andreas Köpke schwört auf sein Armband, das ihm schon 1996 bei der Europameisterschaft half. Der Franzose Robert Pires hatte bei allen WM-Spielen dieselbe Unterhose an. Skifahrerin Hilde Gerg schrieb ihre olympische Goldmedaille letztlich den alten Handschuhen zu, bei Maria Ertl waren es immer dieselben Socken.

Es klingt paradox. Wir leben in einer hochtechnisierten Welt. Trotzdem hängen viele Zeitgenossen, wenn nicht fast alle, irgendwelchen zutiefst irrationalen Überzeugungen an. Weder Alter noch Bildung noch ein höherer Intelligenz-Quotient machen gegen Aberglauben immun. An Studenten der Universität von Manitoba in Winnipeg machten kanadische Soziologen die bislang gründlichste Langzeitstudie. Sie wollten wissen, wie sich Studenten gegen Examensängste wappnen. Und sie stießen auf Rituale, die mitunter eines Schamanen würdig wären.

Manche klopften dreimal an die Tür des Prüfungszimmers. Oder betraten den Raum zuerst mit dem rechten Fuß. Sogar Studenten, die eigentlich nicht religiös waren, suchten ihr Heil im Gebet. Außerdem schleppten sie ein ganzes Arsenal von Glücksbringern mit sich herum: besondere Federhalter und Kugelschreiber, Hufeisen, Hasenpfoten, Münzen, Würfel, Teddybären und andere Schmusetiere. Schlampiges Outfit galt als besonders wirkungsvoll. "Ein Student der Naturwissenschaften trug immer einen alten Schal, von dem er behauptete, er trage Teile seine Gehirns in sich", berichtet der amerikanische Psychologe Stuart A. Vyse in seiner "Psychologie des Aberglaubens".

Andere machten sich besonders fein. Ein Student zwängte sich vor jeder Prüfung in einen dreiteiligen Anzug, obwohl er zugeben musste: "In einer Klausur ist dieses heiße, enge Ding ja nicht gerade bequem." Einer hielt es für ein gutes Omen, wenn er vor der Prüfung eine Münze gefunden hatte; andernfalls trat er die Prüfung gar nicht erst an. Folge: Am Tag des Examens suchte er an Bushaltestellen und ähnlichen Orten verzweifelt nach Münzen - und wäre um Haaresbreite sogar zu spät zur Prüfung erschienen.

Der Verstand scheint auszusetzen, wenn es darum geht, dem Glück ein wenig nachzuhelfen oder Unglück von sich abzuwenden. Alle Versuche, die Wirkung von Amuletten und Talismanen zu erklären, schlagen jedenfalls fehl. Und doch gab und gibt es solche Hilfsmittel in allen Kulturen. "Das Leben war und ist und bleibt hart und gefährlich. Deshalb gehören - weltweit - unglückabwehrende, glückbringende Anhänger, Umhänger, Anstecker und so weiter zu den erfolgreichsten Artikeln der Menschheitsgeschichte", bilanziert Walter Gerlach in seinem "Neuen Lexikon des Aberglaubens": "Der Mensch der Frühzeit schmückte sich mit Feder und Krallen der Jagdbeute oder mit Körperteilen des erschlagenen Feindes. Was dem Heiden sein Skalp war, ist dem Christen seine Reliquie".

Seit jeher ranken sich abergläubische Zauber vor allem um die großen Momente des Lebens: Geburt, Hochzeit, Krankheit, Tod. Unzählige Riten, die einander ergänzen, häufig allerdings auch widersprechen, zielen auf die Erhöhung der Fruchtbarkeit des Bodens, eine bessere Ernte, günstiges Wetter. Das Muster ist im Prinzip immer gleich: Gute Geister sollen günstig gestimmt, schlechte in die Flucht geschlagen werden.

In vielen alltäglichen Verhaltens- und Redeweisen leben solche Vorstellungen sogar bis heute fort. Reine Magie steckt zum Beispiel dahinter, wenn wir uns beim Gähnen die Hand vor den Mund halten. Was heute als Zeichen guter Erziehung gilt, war ursprünglich ein Abwehrzauber. Man fürchtete, bei ungeschütztem Gähnen könnte die Seele aus dem Mund entweichen oder ein Dämon von außen in den Körper eindringen. Auch wenn wir guten Freunden "Hals- und Beinbruch" wünschen, bedienen wir uns eines uralten abergläubischen Tricks. Er besteht darin, "Negatives zu verkünden, um Positives zu erreichen und damit finstere Mächte und böse Geister zu leimen", erklärt Gerlach. Denn: "Die finsteren Mächte reagieren auf hörbare Glück- und Segenswünsche allergisch."

Unsicherheit ist eine Grundbedingung menschlicher Existenz. Die Zukunft bleibt ungewiss. Der Zufall ist unberechenbar. Da heißen wir jeden Halt in der Welt der Unwägbarkeiten willkommen. Und die Zahl der Abergläubischen nimmt weiter zu. Seit 1973 hat sich die Zahl der Deutschen, die etwa darauf vertrauen, dass ein vierblättriges Kleeblatt Gutes verheißt, mit 43 Prozent fast verdoppelt.

Nach wie vor sind Frauen abergläubischer als Männer. Nur 21 Prozent der Frauen äußerten in der jüngsten Allensbach-Umfrage, an solchen Vorzeichen sei nichts dran. Aber vielleicht sind sie sich des tief in ihnen verwurzelten Aberglaubens nur nicht bewusst. Dafür spricht eine Szene, die Axel Stellmann in einem Büchlein über unseren alltäglichen Aberglauben schildert. Während einer Umfrage in einem Café fragte eine Reporterin eine Frau, ob sie abergläubisch sei. "Nein", antwortete die Frau lachend, "ganz gewiss nicht". Und dann, ohne es selber wahrzunehmen, klopfte sie dreimal auf den Tisch und sagte: "Toi, toi, toi."

Astrologen, Wunderheiler, Wahrsager, Hexen, Hand- und Kartenleser haben Konjunktur. Dabei eilt dem Aberglauben kein besonders guter Ruf voraus. Schon das Wort "Aberglaube" hat einen negativen Beigeschmack. Wer sich aus Angst vor drohendem Unglück an einem Freitag, dem 13. vorsorglich unter die Bettdecke verkriecht oder ernsthaft damit rechnet, Millionär zu werden, wenn er auf einen Pfennig spuckt, macht sich lächerlich. Jemanden zu bezichtigen, er hinge einem Aberglauben an, grenzt an Beleidigung. Theoretisch halten wir es also durchaus noch mit den Philosophen, die im Menschen vor allem das vernunftbegabte Wesen, das "animal rationale", sehen.

Doch das hindert unzählige Zeitgenossen nicht daran, genuin magischem Denken anheim zu fallen. Vielleicht ist dieses Verhalten aber gar nicht so irrational, wie es auf Anhieb klingt. Denn solange magischer Alltagszauber nicht völlig blind für die Wirklichkeit macht, ist er womöglich durchaus gesund. Er könnte uns zum Beispiel helfen, jene Momente "unbehaglicher Stille" zu überbrücken, in denen uns bewusst wird, dass "wir den Lauf der Dinge nur wenig oder gar nicht direkt beeinflussen können", meint Stuart Vyse. Der Psychologe verweist auf den Schauspieler, der vor dem Gang auf die Bühne ein einfaches Ritual durchführt: "Er mag eingestehen, dass es nicht wirklich eine magische Wirkung besitzt. Doch fühlt er sich mit seiner Hilfe besser. Es kostet ihn wenig, es beruhigt seine Nerven und es hilft ihm dabei, die beunruhigenden Augenblicke vor Beginn der Aufführung zu überstehen."

Dem Lauf der Dinge nicht ausgeliefert zu sein, sondern ihn, wie auch immer, aktiv mitzugestalten, ist angenehm. Auch ein maßvoller Aberglaube kann das menschliche Grundbedürfnis nach Autonomie und Kontrolle über die Welt befriedigen. Dass es nur der Anschein von Kontrolle sein kann, weil die Welt letzten Endes doch unkontrollierbar bleibt, nimmt der Abergläubische in Kauf. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Wohltat der "Scheinkontrolle" oder "positiver Illusion".

Der israelische Psychologe Giora Keinan von der Universität Tel Aviv vermutete zudem, dass Aberglaube manchen Menschen helfen kann, mit Stress fertig zu werden. Während des Golfkriegs 1991, als zahlreiche Scud-Raketen auf Israel abgefeuert wurden, machte er die Probe aufs Exempel. Er ging von Tür zu Tür und bat die Bewohner, einen Fragebogen auszufüllen. Darin sollten sie den Wahrheitsgehalt verschiedener Aussagen bewerten, die offenbar abergläubisch waren.

Das Ergebnis bestätigte Keinans Vermutung. In den besonders gefährdeten Gebieten standen die Menschen nicht nur stärker unter Stress. Sie bekannten sich auch häufiger zu so abstrusen Überzeugungen wie: "Die Gefahr, von einer Rakete getroffen zu werden, ist größer, wenn man sich in einem Raum befindet, der gegen Giftgasangriffe abgedichtet wurde." Oder: "Im Interesse der eigenen Sicherheit ist es am besten, den abgedichteten Raum mit dem rechten Fuß zuerst zu betreten."

Unter Stress nehmen viele Menschen also verstärkt zu abergläubischem Verhalten Zuflucht. Das muss nicht heißen, dass der Aberglaube ihnen auch bei der Stressbewältigung hilft. Doch zweckmäßig könnte die "positive Illusion" von Kontrolle durchaus sein. Immerhin ist das Gefühl, auf eine Bedrohung irgendwie Einfluss nehmen zu können, immer noch besser als das Empfinden, ihr hilflos ausgeliefert zu sein.

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