Abfall : Ein Meer von Müll

Als die brasilianische Luftwaffe statt der Trümmer des Flugzeugs eine Holzpalette aus dem Wasser fischte, war sie auf ein Problem gestoßen, das Meeresforscher seit langem umtreibt: Die Meere werden zur Mülldeponie.

Roland Knauer
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 „Als Kollegen die Herkunft von Müll im Meer untersuchten, stießen sie auf die Berufsschifffahrt“, berichtet Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Da die nächste Mülltonne meist weit weg ist, geht eben vieles über Bord. Speisereste machen da noch die geringsten Schwierigkeiten, weil sie gefressen werden. Plastikabfall ist ein viel größeres Problem. Kunststoffe gehen auch unabsichtlich über Bord. Als ein Handelsschiff im Sturm einen Container mit Plastikenten im Nordpazifik verlor, tauchten die Quietschtiere noch Jahre später an verschiedenen Küsten wieder auf, an die Meeresströmungen sie getrieben hatten.

Plastik fliegt nicht nur über die Reling von Schiffen, sondern stammt oft auch vom Strand, an dem Badeurlauber Flaschen und Tüten liegen lassen. Wind und Wellen treiben aber auch den Müll von Siedlungen ins Meer, der illegal an der Küste weggeworfen wurde. Martin Thiel von der Universidad Catolica del Norte im chilenischen Coquimbo findet vor der Pazifikküste aber auch ganze Fischernetze und andere Ausrüstung der lokalen Bevölkerung im Wasser, die ein Sturm oder die Meeresströmungen losgerissen haben. Die großen Strömungen in den Ozeanen verteilen den Müll dann weiter. So zirkuliert im Nordostpazifik zwischen Hawaii und dem nordamerikanischen Festland ein riesiger Wasserwirbel, in dem rund hundert Millionen Tonnen Kunststoffmüll mitschwimmen (Grafik). Ähnliche Wirbel gibt es auch im Atlantik und im Indischen Ozean. Am 27. Mai 1990 verlor die Hansa Carrier südlich von Alaska fünf Container mit 61 000 Turnschuhen, die seither im Pazifik zirkulieren. Die Tokio Express verlor 1992 insgesamt 29 000 Lego-Spielzeugfiguren. Etwa alle drei Jahre treiben seither einzelne dieser Plastikteile wieder an die Strände Alaskas. So lange dauert demnach eine Runde in diesem großen Wasserwirbel. Im Internet soll sich sogar eine Tauschbörse gebildet haben, in der zum Beispiel passende rechte Turnschuhe zu einem angeschwemmten linken Exemplar gesucht werden.

Allerdings zerlegen die Wellen den meisten Müll in seine Einzelteile. „Oder das ultraviolette Licht der Sonne lässt Plastik zerbröseln“, sagt AWI-Forscher Lars Gutow. Übrig bleiben winzige Plastikreste, die oft kleiner als ein Millimeter sind und man nur unter dem Mikroskop sieht. Der größte Teil der 100 Millionen Tonnen Müll im Nordpazifikwirbel besteht aus solchen Minipartikeln. Als Beweis für Plastiktüten und andere Kunststoffmaterialien als Urheber der bisher schlicht übersehenen Umweltverschmutzung mit Mini-Plastikfasern haben Forscher Mikroorganismen untersucht, die in den letzten 40 Jahren zwischen Island und der schottischen Nordküste sowie zwischen Aberdeen und den Shetland-Inseln aus dem Meer gefischt und aufbewahrt wurden. Je älter die Proben sind, umso weniger Plastikfasern enthalten sie. Viele Meerestiere schlucken nicht nur diese Miniteilchen, sondern auch größere Reste von Plastikabfall. Verstopft der Müll die Verdauungsorgane, können Schildkröten, Delfine und Fische daran zugrunde gehen. Die Tiere verheddern sich auch im Müll oder verletzen sich daran.

Gutow und sein Kollege Martin Thiel untersuchen noch eine weitere Gefahr des Plastikmülls: Auf ihm können Arten von einer Küste zur anderen reisen. Werden diese blinden Passagiere an eine für sie fremde Küste geschwemmt, können sie dort in der einheimischen Natur erhebliche Schäden anrichten.

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