Welt : Abgetriebene Zellen ins Gehirn gespritzt

Der schwer kranke Maler Jörg Immendorff unterzieht sich in China einer umstrittenen Therapie

Adelheid Müller-Lissner

Es ist eine grausame Krankheit. Fünf Jahre, nachdem die Diagnose gestellt wurde, leben nur noch 20 Prozent der Patienten. Bei der Amyotrophischen Lateralsklerose (ALS) gehen aus bislang ungeklärter Ursache nach und nach Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark zugrunde, die den Muskeln das Signal zur Bewegung geben. Die Betroffenen leiden zunächst meist unter einer Schwäche in den Händen und Füßen, später kommen Krämpfe und Lähmungen hinzu, Sprechen und Schlucken werden unmöglich. Die Kranken sind zuletzt ans Bett gefesselt wie die Berlinerin, die jetzt an der Berliner Volksbühne in Christoph Schlingensiefs Stück „Kunst und Gemüse“ mitwirkt. Im Hintergrund hört man dort die Stimme des Malers Jörg Immendorff. Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass auch er an ALS leidet. Zur Zeit befindet er sich zur Behandlung in Peking, wie der „Spiegel“ am Samstag vorab berichtete. In China soll er sich einem Eingriff unterzogen haben, bei dem ihm Zellen aus dem Riechsystem abgetriebener Föten an zwei Stellen ins Gehirn gespritzt wurden. Der Kunstprofessor selbst bezeichnet sich laut „Spiegel“ als „Teilnehmer eines Experiments“.

Die olfaktorischen Hüllzellen, die ihm injiziert wurden, stammen zwar von Föten. Sie gehören jedoch nicht zu den embryonalen Stammzellen, mit denen bisher in Deutschland nur unter strengen Auflagen geforscht werden darf. Embryonale Stammzellen sind Tausendsassas, aus ihnen können noch zahlreiche verschiedene Gewebe werden. Die Zellen aus abgetriebenen Föten, die bei der Pekinger Therapie verwendet wurden, sind dagegen schon spezialisiert.

In Deutschland sind Forschung und Therapie mit Gewebe von Föten rechtlich streng geregelt. Hintergrund sind grundlegende ethische Bedenken, dass die Hemmschwelle für einen Schwangerschaftsabbruch gesenkt werden könnte. Ethische Bedenken ergeben sich auch, weil der Eingriff keine wissenschaftliche Basis hat. Er ist damit nach deutscher Anschauung allenfalls als „individueller Heilversuch“ zu werten. Der Pekinger Neurochirurg Huang Hongyun erhofft sich davon, dass die Zellen im Gehirn der Patienten den „Selbstheilungsprozess von Nervenzellen“ anstoßen.

Ob sie die an sie geknüpften Hoffnungen erfüllen können, ist aber ausgesprochen fraglich. Was die Hüllzellen aus dem Riechsystem im Gehirn der Kranken bewirken können, ist in der Wissenschaft bisher völlig unklar.

Die Therapie in China wirkt wie ein Hoffnungsanker in einer verzweifelten Situation. Denn bisher kann die wissenschaftliche Medizin keine Heilung von dem Nerven- und Muskelleiden anbieten. Die Behandlung besteht in Medikamenten, die die Symptome bekämpfen, zum Beispiel in Mitteln, mit denen der Wirkung des krankhaft erhöhten Botenstoffs Glutamat entgegengewirkt wird. Dazu kommen Krankengymnastik, Logopädie und in späteren Stadien eventuell Sondennahrung und Unterstützung bei der Atmung.

Nur fünf Prozent der ALS-Kranken entscheiden sich aber für eine lebensrettende dauerhafte künstliche Beatmung, wie der Neurologe und ALS-Spezialist Thomas Meyer von der Charité, Campus Virchow, kürzlich berichtete. Der Physiker Stephen Hawkins, der ALS zuerst zu trauriger Bekanntheit verhalf, ist einer von ihnen.

Laut „Spiegel“ spürt Jörg Immendorff nach dem Eingriff jetzt Besserung in den Armen und Beinen. Allerdings ist schon länger bekannt, dass Operationen generell einen starken Placebo-Effekt haben. Bei harmloseren Erkrankungen haben in wissenschaftlichen Studien Scheinoperationen, für die ohne das Wissen des Betroffenen nur ein Hautschnitt gemacht wurde, genauso gut gewirkt wie der echte Eingriff.

Im vorliegenden Fall spielen sicher auch die Ausweglosigkeit der Lage, die Mühen der Reise und der Preis des Eingriffs für das Befinden eine Rolle. Im Internet findet sich der Hinweis, dass er 20000 Dollar kostet.

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