Welt : Abgrund Liebe (Kommentar)

Andrea Nüsse

Ein Mann metzelt aus verschmähter Liebe die Familie der Angebeteten nieder. Ein Amoklauf, ebenso unerklärlich und wenig nachvollziehbar wie die Amokläufe von Littleton, Bad Reichenhall und Malz bei Oranienburg? Der Täter von Bielefeld war Türke. Da erweitern viele die Palette der Erklärungsmuster um eine kulturelle Komponente: "Die Türken haben eben ein anderes Ehrgefühl." Stimmt. Die Wahrung der Ehre spielt zumindest in der traditionellen türkischen Gesellschaft - wie in allen mediterranen Kulturen - eine größere Rolle als in der deutschen. Wie in vielen muslimischen Gesellschaften definiert sich Ehre oft über das Verhalten der Frauen. Und um die eigene befleckte Ehre oder die der Familie wieder herzustellen, war nach traditionellen gesellschaftlichen Regeln auch die Bluttat gerechtfertigt. Doch die türkische Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Längst gibt es in der Türkei Gesetze, die solche Taten ebenso unter Strafe stellen und gesellschaftlich ächten, wie dies in Deutschland der Fall ist. Sicher ist der Umgang der Geschlechter in traditionellen türkischen Familien auch heute oft ein anderer als in Familien deutscher Herkunft. Doch Blutrache spielt hier keine Rolle mehr. Die existierenden kulturellen Unterschiede können Befremden auslösen, zu Verständigungsschwierigkeiten führen und auch teilweise die Empfindsamkeiten eines Menschen erklären - einen Amoklauf erklären können sie nicht. Wie viele Türken haben Liebeskummer, ohne zur Waffe zu greifen? Der Amoklauf von Bielefeld ist darum ebenso unerklärlich wie der Amoklauf von Littleton, Bad Reichenhall oder von Malz. Die Gründe für die abgrundtiefe Verzweiflung der Täter mögen unterschiedliche gewesen sein, mögen mit Anforderungen und Zwängen der jeweiligen Gesellschaften zu tun haben. Doch was manche Menschen dazu treibt, in ihrer Verzweiflung andere Menschen reihenweise niederzumetzeln, ist trotz aller Bemühungen von Psychologen ungeklärt. Vielleicht ist bei dem Bielefelder Blutbad wirklich Liebe mit im Spiel gewesen. Und was, wenn nicht Liebe, ist ein universelles Gefühl.

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