Abhörskandal : Nur die Queen schweigt

Auch das Königshaus und Ex-Premier Brown sollen ausspioniert worden sein – Premier Cameron steckt in der Klemme.

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Die Briten lernen jetzt fast jeden Tag neue Wörter. „Hacking“ kannten sie schon – wenn sich Journalisten illegal in die Mailboxen von Handys einschalten. „Blagging“ ist eine andere Journalistentechnik, mit der sie nun vertraut werden. Sie fordert schauspielerisches Talent und ein bisschen Nerven. Gordon Brown, der frühere Premier, veröffentlichte gestern ein Beispiel für die Bluff-Methode, den Mitschnitt eines Gesprächs, mit dem die „Sunday Times“ Einzelheiten eines Wohnungskaufs herausfand. Brown hatte sich die Wohnung in Parlamentsnähe 1992 gekauft und die Zeitung wollte wissen, wie viel er dafür bezahlte. Auf dem Band ruft ein gewisser Barry Beardall mit Upper- Class-Akzent bei dem Notar an. „Hello, mein Name ist Beardall, ich bin Buchhalter für die Dealson Gruppe. Vielleicht können Sie mithelfen …“ Die Schlagzeile der „Sunday Times“ lautete: „Brown kaufte Robert-Maxwell-Wohnung zum Discountpreis“. Damit war Brown in den Umkreis des korrupten ehemaligen Verlegers des „Daily Mirror“ gebracht. „Pinging“ ist wieder eine andere Technik – streng geheim und teuer. Eigentlich wird die Technik gegen Terroristen und Schwerverbrecher eingesetzt. Man kann mit Hilfe des Handysignals den Aufenthaltsort des Telefonbesitzers herausfinden – sogar wenn es ein Mitglied der königlichen Familie ist. Denn eine Schocknachricht war, dass Zeitungen sich mit Schmiergeldern sogar Geheiminformationen beschafften, inklusive der Handynummern der engsten Mitglieder der Königlichen Familie. Offenbar haben einer oder mehrere Beamte im königlichen Personenschutz diese Nummern an Zeitungen verkauft.

Die Queen schweigt. Wie immer. Auch Prinz Charles und Camilla, die zu den mutmaßlichen Opfern gehören. Aber Gordon Brown packte gestern aus. Nach der Familie der ermordeten 13-jährigen Milly Dowler, Schauspieler Hugh Grant, Sänger George Michael und zahllosen anderen Stars, die Opfer von Zeitungsangriffen wurden und sich teilweise schon saftige Entschädigungen vor Gericht erstritten, ist Brown nun der einflussreichste Ankläger Murdochs. „Die ,Sunday Times’ arbeitet mit Kriminellen zusammen“, klagte er in einem Interview mit der BBC – und unterstrich, dass nicht nur die eingestellte Zeitung „News of the World“, sondern auch andere Murdoch-Zeitungen gesetzwidrig handelten. Fast musste sich Brown eine Träne aus den Augen wischen, als er erzählte, wie die „Sun“ 2006 herausbekam, dass sein damals vier Monate altes Baby Fraser an Mukoviszidose erkrankt war. Rebekah Brooks, damals Chefredakteurin der „Sun“, heute Leiterin von Murdochs Zeitungsgruppe „News International“, rief bei Browns Frau Sarah an und teilte ihr mit, was die „Sun“ herausbekommen hatte. „Sarah brach in Tränen aus“, erinnert sich Brown. Brown glaubt, dass Journalisten die ärztlichen Berichte seiner Kinder gestohlen haben, sein Handy abhörten, Informationen über seine Bankkonten und persönliche Verträge herausbekamen und sich dabei auch der Hilfe verurteilter Gesetzesbrecher bedienten. „Wenn ich, mit all dem Schutz und den Abwehrmechanismen, die man als Schatzkanzler oder Premier hat, so verwundbar für diese skrupellosen und ungesetzlichen Taktiken war – wie steht es dann erst mit normalen Bürgern?“ Das war gestern nicht die einzige Frage, die sich britische Bürger stellten. Sie wollten auch wissen, was Brown gegen diese Attacken der Presse unternahm. Dass Brown erst jetzt erst mit diesen Dingen herausrückt, zeigt die Abhängigkeit und Nähe zwischen britischen Spitzenpolitikern und ihrer Presse – vor allem den Zeitungen von Rupert Murdoch. Trotz allem rechnete Browns Frau Sarah die Murdoch-Spitzenmanagerin Rebekah Brooks weiter zu ihren Freundinnen – offiziell wenigstens sollte nichts die guten Beziehungen trüben. So war Brooks dabei, als Sarah 2008 eine Gruppe von Frauen zum Wochenende auf das Landhaus des Premiers einlud. Brown wollte eine Untersuchung der mutmaßlichen Brüche journalistischer Regeln einleiten – aber seine Mitarbeiter rieten ihm ab. Aus Angst vor der Murdoch-Presse. Die angeprangerten Zeitungen begannen sich gestern zu wehren. Die Informationen über den kleinen Fraser seien legal beschafft worden, betonte die „Sun“ – sie stammten von einem engen Bekannten der Brown-Familie.

Die Debatten haben erst begonnen: Über die Methoden der Zeitungen, über die ungesunde Nähe zwischen Journalisten und Politikern, die nun vor allem dem amtierenden Premier David Cameron zu schaffen macht – der eng mit Rebekah Brooks befreundet ist und sie gelegentlich zu sich nach Hause zum Essen einlädt – wie Sarah Brown.

Auf einem ganz anderen Blatt steht die Rolle der Polizei. E-Mails der „News of the World“ sollen Einzelheiten über Zahlungen enthalten, die der 2007 wegen eines Lauschangriffs auf Prinz William und Prinz Harry verurteilte Hofreporter der „News of the World“, Clive Goodman, machte oder machen wollte. Unter denen, die die Zahlungen genehmigten, soll auch der frühere Chefredakteur Andy Coulson, gewesen sein, der dann Camerons Kommunikationsberater wurde.

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