Welt : Abschied vom Meister

Asterix-Zeichner Uderzo gibt den Stift weiter.

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Angoulême - Der Vater der Asterix-Comics, Albert Uderzo, verlässt in diesem Jahr die Comicbühne. Bis heute liegen 34 seiner gezeichneten Geschichten der gallischen Helden um Asterix und Obelix vor, von denen weltweit 360 Millionen Alben verkauft wurden. Kein anderer Comic kennt einen solchen Erfolg. Am 24. Oktober soll der 35. Asterix-Band erscheinen, zum ersten Mal nicht von Uderzo gezeichnet. Ihn ablösen wird Didier Conrad, der gemeinsam mit dem Szenaristen Jean-Yves Ferri diesen Band verwirklichen soll. Mit Uderzos Abtritt geht nicht nur eine einmalige Karriere, sondern eine Ära der europäischen Sprechblasenkunst zu Ende. Kein anderer Comicautor hat einen solch paneuropäischen Erfolg, keiner hat derart viel der europäischen Identitäten verstanden und miteinander in Kontakt gebracht, keiner hat seinen Lesern derart viel beigebracht wie Albert Uderzo (bis 1977 gemeinsam mit seinem viel zu früh verstorbenen Mitstreiter René Goscinny.

In Frankreich ist der Zeichner ein nationaler Held, der seinen eigenen Landsleuten erklärt hat, wie sie als Gallier ticken. Selbst Frankreichs Nationalbibliothek wird dem Zeichner im Herbst eine große Schau widmen, nachdem ihr der Zeichner im Frühjahr 2011 die Originalzeichnungen der ersten drei Asterix-Bände (Asterix der Gallier, Asterix und die goldene Sichel, Asterix bei den Goten) geschenkt hatte. Einen Eindruck dessen, was dann in der zweiten Jahreshälfte in Paris zu sehen sein wird, konnte man bei der großen Retrospektive bekommen, mit der Uderzo bei dem großen Comicfestival in Angoulême geehrt wurde, dem wichtigsten Comicfestival der Welt.

Zu sehen sind auch die ganz frühen Illustrationen für verschiedene Zeitungsreportagen und Auszüge aus seinem grafischen „Roman“ der Tour de France. Wer genau hinsieht, kann in diesen Zeichnungen erkennen, dass Uderzo schon zu Beginn der 1950er Jahre ein vollkommener Zeichner war. Das zeichnerische Spiel mit Verläufen und Bewegungen durch das Multiplizieren von Konturen oder das Verbinden großer Magnituden mit dem sichtbaren Punkt des Einschlags ist bereits in diesen frühen Zeichnungen bis zur Perfektion ausgeführt. Uderzo ist aber nicht nur ein Meister der Bewegung, sondern auch ein Sprechblasenartist. Um zu verstehen, warum die explodierenden, donnernden, weinenden, floralen, schmetterlingshaften Sprechblasen bis heute revolutionär sind, muss man sich nur vor Augen führen, dass zu Uderzos Anfängen die Dialoge hauptsächlich noch über oder unter das Bild gesetzt wurden. Uderzo hat die Sprechblase nicht erfunden, aber er hat ihr Leben eingehaucht.

Albert Uderzo besuchte das Festival gemeinsam mit der französischen Kulturministerin Aurélie Filipetti – ein Ereignis, das in Angoulême wie der Auftritt eines Hollywoodstars behandelt wurde. Wohin sich Uderzo auch immer begab, ihn erwarteten Menschenmassen. Uderzo wollte eigentlich Mechaniker werden. Eine Fernsehdokumentation, die im Herbst ausgestrahlt werden soll, bietet einen Einblick in die kongeniale Zusammenarbeit mit René Goscinny. In dem Film sprechen nicht nur zahlreiche Persönlichkeiten aus Frankreichs Kultur- und Comicbetrieb über ihre Erfahrungen mit Asterix und seinem Zeichner, sondern Uderzo selbst kommt auch zu Wort. Bewegend ist insbesondere die Szene, in der Uderzo und seine Frau noch mehr als 30 Jahre nach Goscinnys plötzlichem Tod tief bewegt berichten, wie sie die schreckliche Nachricht bekommen haben.

Der Biograf von Albert Uderzo, Alain Duchêne, und der Romancier Philippe Cauvin haben ein großartiges Album mit den frühen Zeichnungen (1941–1951) vorgelegt, das die ersten Gehversuche Albert Uderzos versammelt und kommentiert. „Das letzte Bild EINER SEITE]muss immer Lust machen, zu wissen, was als Nächstes passiert“, erklärte Uderzo im Gespräch mit dem Publikum. Was für seine Comics gilt, das gilt auch für sein Leben. Mit seinem selbstbewussten Gang von der Comicbühne hat Uderzo dem Publikum Lust gemacht, zu wissen, was nun als Nächstes mit seinen Galliern passiert. Ende Oktober kann man es erfahren. Thomas Hummitzsch

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