Welt : Absturz der Mir: Abschied von der Bordbibliothek

Für mehr als 100 Menschen war die Mir ein Heim im All. Wie in einem Haus auf Erden sammelten sich in 15 Jahren allerhand Inventar, Mitbringsel und Krimskrams an Bord an. Diese historischen Staubfänger haben ihre Chance zur unversehrten Rückkehr auf die Erde verpasst. Sie sind nun dazu verdammt, sich am Freitag beim Eintritt der Raumstation in die Erdatmosphäre in Feuer und Rauch aufzulösen.

Bereits Mitte 1999, als den russischen Raumfahrtexperten zum ersten Mal klar wurde, dass die altersschwache Mir in absehbarer Zeit verschrottet werden würde, stellte die Bodenkontrolle bei Moskau eine Wunschliste jener Gegenstände auf, die auf jeden Fall zurück zur Erde sollten. Für den stellvertretenden Flugdirektor Viktor Blagow zählten dazu die Flaggen von elf an Bord vertretenen Raumfahrernationen, die etwa 100 Bücher umfassende Bibliothek inklusive Bibel und Koran und ein Porträt des ersten Menschen im All, Juri Gagarin.

"Als die Crew im April 2000 hochflog, ahnte niemand, dass dies die letzte Mir-Besatzung sein würde", sagt Waleri Rjumin, der als Kosmonaut die Mir an Bord eines amerikanischen Space Shuttle besucht hat. Deshalb seien sämtliche Erinnerungsschätze oben geblieben. "Da oben lagert noch eine große Menge Zeug. Aber am wichtigsten sind wohl die elf Tonnen wissenschaftlicher Ausrüstung an Bord", betont Rjumin. Nach 20 000 wissenschaftlichen Versuchen an Bord haben sich unzählige Utensilien in den Kisten und Regalen angestaut. Die Sammlung mit einem geschätzten Wert von 90 Millionen Dollar (195 Millionen Mark) reicht von einem Weltraum-Observatorium bis zu einem Mini-Gewächshaus. Auch viele private Erinnerungsstücke werden ein Opfer der Reibungsflammen. Dazu soll auch eine elektrische Gitarre zählen, die vor Jahren dem deutschen Astronauten Thomas Reiter die Zeit an Bord der Mir verkürzen sollte.

Die verwinkelte Mir war nie ein Ort, an dem man seine Siebensachen in der Schwerelosigkeit leicht beisammen halten konnte. "Die Dinge gingen da oben ziemlich leicht verloren. Wenn Du dein Zeug nicht festgezurrt hattest, reichte schon ein Hauch aus der Belüftung und selbst die schwersten Schraubenschlüssel aus der Werkzeugkiste segelten davon", sagte der Kosmonaut Alexander Polischtschuk.

Polischtschuk bedauert noch immer das Verschwinden einer Taschenlampe, die ihm ein französischer Astronaut 1993 geschenkt hatte. Aber der Verlust wurde durch den Fund einer Cognac-Flasche wieder wettgemacht, die der Kosmonaut eines Tages hinter einer Verkleidung entdeckte. Die hochprozentige Überraschung hatte wohl ein Vorgänger sicher verstaut und dann vergessen, oder sie war ebenfalls irgendwann im allgemeinen Schweben verloren gegangen.

In der Nähe der voraussichtlichen Absturzstelle laufen unterdessen die Vorbereitungen für den letzten Flug der Mir. Die letzte bewohnte Region, die die Station überfliegen soll, ist Japan. Von Panik war dort am Mittwoch aber nichts zu spüren. Die Provinzen, über die die Mir voraussichtlich fliegen wird, sollen informiert und um besondere Wachsamkeit gebeten werden, sagte ein Sprecher des Krisenzentrums der Regierung in Tokio.

Auf den im Süd-Pazifik gelegenen Fidschi-Inseln werden sich Neugierige einfinden, die den Absturz ganz genau verfolgen wollen. Air Fidji will zwei Flugzeuge bereithalten, um das Ereignis zu beobachten. Der feurige Eintritt der Mir in die Erdatmosphäre am Freitagmorgen soll vom benachbarten Tonga aus gut zu sehen sein, heißt es auf der Webseite der Fluglinie. Nicht verglühende Teile sollen in den Pazifik stürzen.

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