Welt : Absturz der Mir: Auf Nimmerwiedersehen in Richtung Osten

Elke Windisch

Um Viertel vor neun Moskauer Zeit kappte das Flugleitzentrum die letzte Funkverbindung zur Orbitalstation Mir, die zu diesem Zeitpunkt bereits im freien Fall der Wasserwüste des Pazifik entgegenraste. 15 Minuten später erhob sich das gesamte Kontrollteam zu einer Schweigeminute: Die Mir, die Ikone der russischen Raumfahrt, die in 15 Jahren den blauen Planeten über 83 000 mal umkreiste, hatte soeben ihr Leben ausgehaucht.

Vorausgegangen waren dramatische Minuten. 3 Uhr 32: Die Mir überfliegt den Indischen Ozean. Der ach so oft ausgefallene Bordcomputer gehorcht dem letzten Kommando aufs Wort und schaltet acht Hilfsmotoren ein, die die erste Bremsung einleiten. Die zweite beginnt um fünf, die dritte kurz nach acht über Nordafrika. Ein letztes Mal taucht die Mir auf den Bildschirmen russischer Radarstationen in Sibirien und im Fernen Osten auf. Dann entschwindet sie Richtung Osten auf Nimmerwiedersehen.

Tausende, darunter auch zwei russische Kosmonauten, verfolgen Minuten später im Südseeparadies Fidschi, wie hinter den Fächern der Palmen ein riesiger Feuerball über den Horizont trudelt, dann zerbirst und als Funkenregen im Ozean verschwindet.

Millionen Menschen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ließen alles stehen und liegen, als zwei Stunden später die Bilder beim einstigen sowjetischen Staatssender "ORT" liefen. Der Sender ist so reichweitenstark, dass er auch noch in den Wüsten Zentralasiens und in den Zelten der Rentierzüchter am Eismeer empfangen werden kann.

Schon am Vorabend, als die Weltraum-Greisin sich der Erde auf eine Entfernung von 230 Kilometern genähert hatte, jenem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, hatten alle großen TV-Stationen des Landes, den Absturz als Computeranimation gesendet. Ausnahmsweise ohne die sonst so geliebten weitschweifigen Kommentare. Es gab nichts zu kommentieren. Mit der Mir ging mehr als ein Sternschiff unter und nicht nur eine Ära der bemannten Raumfahrt, wie die meisten Zeitungen titelten. Mit der Mir starb die vor zehn Jahren für tot erklärte Sowjetunion den endgültigen Tod.

Immer hatten die Politiker vor allem Leistungen der Raumfahrt bemüht, um ihren Untertanen den Sinn von Mangelwirtschaft und Unfreiheit zu erklären: Großmachtstatus und Wettbewerb der Systeme verlangen Opfer von jedermann. Eine Begründung, die sich auch für die Gutgläubigsten spätestens nach dem ruhmlosen Ende des Kommunismus erledigt hatte. Ebbe in den Staatskassen sorgte dafür, dass Flüge zur Mir immer seltener wurden, jeder Start geriet zur Zitterpartie. Auch der der letzten Besatzung, die Ende Juni an Bord das Licht ausknipste.

Projekte für eine kommerzielle Nutzung hatten sich zerschlagen. Im Herbst senkt die russische Regierung endgültig den Daumen, im Februar verlässt die Mir ihre Parkbahn und nähert sich der Erde täglich um mehr als einen Kilometer. Beim Start 1986 knallten landesweit Sektkorken, gestern gab es, wenn überhaupt, herben weißen Wein wie beim Leichenschmaus.

Kosmonauten, Techniker und Ingenieure tun sich schwer mit dem Unwiderruflichen. Immerhin wollte Iran die Mir für drei weitere Jahre finanzieren, wenn Moskau dafür Astronauten der Islamischen Republik ausbilden würde. Als Präsident Chatami mit dem Vorschlag herausrückte, war es jedoch bereits zu spät. Ebenso für die Initiative des kommunistischen Duma-Präsidenten Gennadij Selesnjow. Der hatte noch am siebten März in einen erst diese Woche bekannt gewordenen Brief an Putin gefordert, den Absturz zu stoppen, die an Bord befindlichen Geräte zu bergen und damit eine Mir-2 auszurüsten. Neben echter Wehmut spielt dabei auch nüchternes Kalkül mit: An Bord der internationalen Raumstation steht den Russen nur noch ein Drittel der Kapazitäten zu, mit der ständigen Erdbeobachtung ist es damit vorbei.

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