Acapulco in Mexiko : Ein Paradies wird zur No-Go-Area

Acapulco an der Pazifikküste von Südmexiko ist ein wichtiger Drogen-Umschlagplatz. Statt Tourismus und Filmprominenz prägen inzwischen Mafia, Morde und Kriminalität den Alltag.

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An den legendären Strände von Acapulco werden die letzten Touristen von Armee und Bundespolizei beschützt.
An den legendären Strände von Acapulco werden die letzten Touristen von Armee und Bundespolizei beschützt.Foto: Claudio Vargas/rtr

„Drei gefolterte Leichen in einem abgestellten Auto entdeckt“. „Bewaffneter eröffnet das Feuer in einer Bar, tötet einen Kellner und zwei Gäste.“ „Junger Mann nach Verfolgungsjagd mit mehreren Schüssen hingerichtet.“ Schlagzeilen aus Acapulco, an einem normalen Ferienwochenende im Juli. Wo sich früher Hollywoodstars ein Stelldichein gaben, treiben heute verstümmelte Leichen an den Strand. 903 Morde gab es im Vorjahr. Das brachte Acapulco auf Platz vier im Ranking der mörderischsten Städte weltweit. Der Staat scheint machtlos, die Touristen bleiben längst fern, und im Umland bewaffnen sich die Bürger, um selbst ihre Verteidigung gegen die Mafia in die Hand zu nehmen.

Acapulco liegt im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero, in dem vor knapp drei Jahren 43 Lehramtsstudenten verschleppt und vermutlich ermordet wurden. Im Hinterland wird Heroin angebaut. „Das ist die neue Modedroge in den Vereinigten Staaten“, sagt Sicherheitsexperte Raúl Benítez Manaut. Die Touristenstadt an der Pazifikküste ist ein wichtiger Umschlagplatz dafür. Um das lukrative Geschäft streiten sich mehrere Kartelle, die Eskalation ist Fachleuten zufolge auf einen Krieg zwischen Überresten des Beltran-Leyva-Kartells und des Unabhängigen Acapulco-Kartells zurückzuführen.

Die Politiker sind empört und geben der Presse die Schuld: „Bitte redet nicht schlecht von Acapulco, sonst kommen gar keine Touristen mehr“, flehte Gouverneur Hector Astudillo. An Tagen, an denen es überhaupt keine Toten gegeben habe, sei das den Medien „keine Schlagzeile wert“, schimpfte der Staatsanwalt von Guerrero, Javier Olea kürzlich in einem Radiointerview. Der Ärger hat einen Grund: Die Negativschlagzeilen lassen den Tourismus einbrechen; diesen Sommer ging die Belegungsrate auf 60 Prozent zurück. Da half es nicht einmal, dass Präsident Enrique Peña Nieto einige Tage seines Sommerurlaubs in Acapulco verbrachte – schwer bewacht vom Militär.

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Surfer wollen Welle der Gewalt in Acapulco entfliehen
Surfer wollen Welle der Gewalt in Acapulco entfliehen

„Zu verkaufen“ prangt an Restaurants, Diskotheken und Souvenir-Shops. Am Strand von „Pie de la Cuesta“, wo früher Johnny Weissmüller alias Tarzan rauschende Feste feierte und Elizabeth Taylor und Elvis Presley Margaritas schlürften, haben gut ein halbes Dutzend Restaurants dicht gemacht. In den übrigen sind die Tische nur zu einem Drittel besetzt.

Der Tourismus ist fast zusammengebrochen

Ausländische Besucher verirren sich nur noch selten hierher. Die US-Botschaft und viele europäische Vertretungen haben für Guerrero eine Reisewarnung herausgegeben. Sechs Spanierinnen, die die Auflage missachteten, wurden vor drei Jahren in ihrem Feriendomizil überfallen und vergewaltigt. Mexikanische Touristen kommen zwar noch, aber ebenfalls deutlich weniger als früher. Und die meisten verzichten auf das Nachtleben oder bleiben hinter den Mauern ihrer All-inclusive-Hotels. Nicht nur die sinkenden Besucherzahlen, auch die Schutzgelderpressungen machen den örtlichen Unternehmern zu schaffen. Rund 1600 Geschäfte hätten dicht gemacht, sagt der Chef der Handelskammer, Alejandro Martinez.

„Wir stecken in einer schweren Krise“, klagt der Direktor des Hotels Playa Suites, Sergio Salmerón. 60 Prozent der Angestellten im Tourismus seien entlassen worden, 15000 Arbeitsplätze seien bedroht. Jetzt verlangten die Geschäftsleute einen Steuernachlass, weil sie sonst die Schutzgelder an die Mafia nicht zahlen können; die Taxifahrer blockierten die Ausfallstraße und forderten „Frieden“ und „Sicherheit“ von Gouverneur Astudillo.

Doch dass der Staat nicht Herr der Lage wird, liegt auch an den Politikern, wie der Soziologe Carlos Flores vom Zentrum für Sozialanthropologische Studien anmerkt: „Die großen Kartelle kontrollieren den Drogenhandel, die Kleinkriminellen widmen sich Entführung und Schutzgelderpressung, und Polizei und Politiker werden von beiden finanziert und halten ihre schützende Hand über die Kriminellen“, sagt er.

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