Welt : Adios, Siesta

Zeitsparer bekämpfen ein nationales Kulturgut: Die spanische Mittagspause ist bedroht

Ralph Schulze[Madrid]

Einem der letzten Heiligtümer in Spanien wird nun der Kampf angesagt: Die spanischen Arbeitnehmer sollen ihr ausgiebiges Mittagsschläfchen abschaffen. Eine nationale Kommission fordert eine „Revolution der Arbeitszeiten“. Die Spanier seien zwar länger als ihre europäischen Nachbarn am Arbeitsplatz „anwesend“, arbeiteten aber trotzdem weniger, beklagt Ignacio Buqueras, Vorsitzender der spanischen Arbeitszeitkommission. „In Spanien verwechselt man gerne die bloße Anwesenheit im Büro mit Arbeiten – es werden viele Stunden vergeudet.“

In der Tat gehören die Spanier, wenn man allein auf die Arbeitszeiten schaut, zu den Spitzenreitern in der EU. Tariflich festgelegt sind in der Regel zwischen 38 und 40 Arbeitsstunden pro Woche, Urlaub gibt es meist nur 20 Arbeitstage im Jahr. Trotzdem liegt die Produktivität erheblich unter dem EU-Durchschnitt. Vor allem, weil das wirtschaftliche und auch das politische Leben mittags zwischen 14 Uhr und 17 Uhr zum Erliegen kommt – mit der bekannten Ausrede: „Es ist viel zu heiß zum Arbeiten.“ Ein Scheinargument, findet Siesta-Kreuzritter Buqueras, der darauf hinweist, dass sich Griechen, Italiener oder Portugiesen auch keine drei Stunden Mittagspause leisten.

Die Spanier lassen es sich zur Mittagszeit, die zwischen 14 und 15 Uhr unter praller Sonne anläuft, ausgesprochen gut gehen: Die Essens-Zeremonie beginnt im Idealfall in einem kleinen Restaurant an der Ecke mit einem blonden Bierchen als Aperitif. Dann folgt als Vorspeise („primer plato“) etwa die weltberühmte kalte Gemüsesuppe Gazpacho. Und dann der opulente „segundo plato“, das Hauptgericht, am liebsten Fisch oder Fleisch, mit einem oder auch mehreren Gläschen Rotwein. Beendet ist das Menü damit noch lange nicht – es folgt zum Beispiel ein Karamellpudding als Nachtisch, dann folgt noch ein Kaffee und zur Krönung noch ein „chupito“, ein Gläschen Kräuterlikör.

Nach einem so schweren und von Alkohol umspülten Essen, das „Benommenheit“ und „Müdigkeit“ provoziere, „kann man kaum eine angemessene Arbeitsleistung entwickeln“, kritisiert Buqueras.

Kein Wunder also, dass die Tischgäste nach dem bis zu zwei Stunden dauernden Festmahl nur eines wollen: Eine gemütliche Siesta halten – auf dem Bürostuhl, auf der Parkbank, im Auto, dem heimischen Sofa oder auch in kommerziellen Siesta-Salons, wo man sich einen bequemen Liegestuhl samt entspannender Massage mieten kann.

„Wir haben keinen Grund, stolz auf uns zu sein“, schimpft Buqueras, der eine Anpassung Spaniens an den europäischen Arbeitsrhythmus fordert. Man müsse Schluss machen mit dem Schlendrian und „rationalere Arbeitszeiten einführen, die auch die Produktivität erhöhen“: Nur noch von 8 Uhr morgens bis 17 oder 18 Uhr nachmittags soll künftig gearbeitet werden – aber dann richtig, fordert die Kommission.

Den spanischen Arbeitstag sollen künftig die „drei Achten“ ordnen: „Acht Stunden Schlafen, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit.“ Bisher seien die Spanier wegen ihres „anarchischen“ Tagesrhythmus „jene Europäer, die am wenigsten schlafen“: Arbeiten von 8 bis 20 Uhr, Abendessen gegen 22 Uhr, Fernsehgucken bis 2 Uhr morgens. Die Folgen seien „Stress sowie Auto- und Arbeitsunfälle“.

In der Tat ist das Leben auf der Straße oder am Arbeitsplatz in Spanien gefährlicher als im nördlichen Europa. Auch der Nachwuchs, dessen Bildung im EU-Vergleich schlecht abschneidet, leidet unter dem ausgedehnten Abend- und Nachtleben: „Die Kinder schlafen in der Schule.“

Spätestens im Jahr 2009 soll sich Spanien an die europäischen Arbeitszeiten angepasst haben. Jedenfalls in den Träumen des Siesta-Kriegers Buqueras. Doch seine Revolution wird sich nicht so einfach durchsetzen lassen. Die Politiker halten sich bei der Abschaffung des nationalen Kulturgutes wohlweislich zurück. Und Widerstand ist bereits angekündigt. Die Gewerkschaften dürften den meisten Spaniern aus dem Herzen sprechen: „Man muss die Gewohnheiten der Gesellschaft berücksichtigen. Denn hier verkriechen sich die Menschen nicht, wie etwa in Deutschland, um 17 Uhr in ihren Häusern.“

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