Ägypten : Alkoholhändler in einer muslimischen Stadt

Rida Sayid al-Baguri ist Alkoholhändler in Kairo. Geduckt und verschmät schleichen sich seine Kunden in den Laden.

Jannis Grimm[Kairo]
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Man nennt ihn „Al-King“. Rida Sayid al-Baguri öffnet seinen Laden mit Rücksicht auf religiöse Nachbarn erst spät. Foto: Katharina...

Jeden Tag gegen 17 Uhr, wenn die letzten Sonnenstrahlen über den kleinen Midan Soliman Gohar, einen begrünten Kreisel im Stadtteil Dokki gleiten, lässt sich ein lautes Quietschen vernehmen. Dann öffnet sich das schwere grüne Metallgitter, welches tagsüber den Eingang zu dem kleinen Laden an der östlichen Ecke des Platzes versperrt. Und wenige Zeit später trifft die erste Kundschaft ein. Geduckt, mit Jacke und Sonnenbrille verdeckt huschen sie von ihrem Auto in den Laden, um kurz darauf schwer beladen, mit schwarzen Plastiktüten in den Händen zurückzukehren und ebenso schnell wieder zu verschwinden, wie sie gekommen sind. Vor der Eingangstür des Ladens auf dem Gehweg steht der hölzerne Schemel von Rida Sayid al-Baguri, dem grauhaarigen Besitzer, der über das hastige Ein und Aus der Kunden wacht und bisweilen in harschem Befehlston einige Anweisungen an seine Bediensteten bellt, bevor er sich wieder voll und ganz seiner glimmenden Wasserpfeife widmet.

„Al-King“ wird er von den Leuten genannt und er geht einem dubiosen Geschäft nach. Er ist einer von mehreren Hundert nichtlizensierten Alkoholhändlern der Stadt. In seinen Auslagen finden sich neben den berühmten weltweit vertriebenen Heineken-Bier auch die ägyptischen Marken Sakkara und Luxor, verschiedene Weine und einheimisch gebrannte Schnäpse. Dazwischen reihen sich dicht an dicht alte Radios, die Herr Rida von Trödlern erstanden und eigenhändig repariert hat. Die dicke Staubschicht auf einigen der bis zu siebzig Jahre alten Geräte zeugt von langjähriger Sammelleidenschaft.

Im muslimischen Kairo, wo Alkoholkonsum verpönt, in der Öffentlichkeit sogar strikt verboten ist, hat Herr Rida einen Drahtseilakt zu bewältigen, um nicht bei seinen religiösen Nachbarn in Ungnade zu fallen und als Konsequenz den Behörden gemeldet zu werden. Herr Rida öffnet daher seinen Laden erst gegen Abend im Schutz der Dämmerung. Tagsüber verdeckt ein schwerer schwarzer Stoffteppich den Eingang, die Scheiben sind wohlweislich mit Postern gepflastert. Ein Wunder, dass sich überhaupt Käufer hierhin verirren, sollte man meinen, gibt es doch in beinahe jedem Viertel Kairos mittlerweile eine sogenannte „Drinkie’s“-Filiale. So heißen die staatlich lizenzierten Alkoholläden, von denen in ganz Ägypten 58 zugelassen sind. Nur hier gehen die Flaschen ganz legal über die Ladentheke.

Doch Al-King hat einen Trumpf in der Tasche, der ihn stadtbekannt macht. Er kann seinen Kunden etwas bieten, was sie in den meisten anderen Geschäften nicht finden. Al-King hat Zugang zu europäischer und amerikanischer Ware. Von Bacardi über Jim Beam bis hin zu Jägermeister – in der Kühltruhe hinter der kleinen braunen Tür in der hintersten Ecke des Geschäfts findet sich die ganze Palette ausländischer Köstlichkeiten – eine heiß begehrte Seltenheit in Kairo und natürlich illegal. Nur auf mehrmalige Nachfrage bekommt man Einblick in Rida Sayids Schätze. Das Hochprozentige bezieht er über geheime Kanäle aus dem DutyFree-Shop am Flughafen. Täglich werden heimlich neue Flaschen geliefert, um den betuchteren Schichten Kairos den Genuss diverser Spirituosen zu ermöglichen.

Wie er das in Einklang bringe, den verbotenen Schnaps und die islamische Religion? „Ich bin nur ein einfacher Händler“, erwidert Herr Rida. „Gott soll über meine Kunden urteilen, das ist nicht meine Aufgabe.“ Selber hat der King nach eigenen Angaben nämlich noch nie einen Tropfen der verpönten Flüssigkeit zu sich genommen. Wozu auch, wenn doch der süßliche Rauch der Wasserpfeife so viel besser schmeckt.

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