Welt : Ärzte ohne Gewissen

In Indien bricht in einer renommierten Klinik Feuer aus – statt den Patienten zu helfen, macht sich das Personal aus dem Staub.

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Die Feuerwehr musste die Fenster einschlagen und die Patienten abseilen, weil die Türen verschlossen waren. Foto: Reuters Foto: REUTERS
Die Feuerwehr musste die Fenster einschlagen und die Patienten abseilen, weil die Türen verschlossen waren. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Als der Rauch immer dichter wurde, wählte die 36-jährige Munmun verzweifelt die Nummer ihres Mannes. „Ich kann nicht mehr atmen“, habe sie herausgepresst, erzählt er später unter Schock TV-Reportern. Aber niemand sei dagewesen, um ihr und den anderen Patienten auf der Station zu helfen. „Sie war tot, als ich das Hospital erreichte.“ Das renommierte Privatkrankenhaus AMRI in der ostindischen Stadt Kalkutta ist am Freitag zur tödlichen Feuerfalle geworden: Mindestens 89 der 160 Patienten in dem Gebäude starben in den Flammen – viele, weil keine Hilfe kam. Auch Munmun war unter ihnen, die Mutter zweier Kinder war lediglich wegen eines gebrochenen Knöchels dort gewesen.

Nicht nur die Tragödie schockte Indien, sondern auch die Kaltschnäuzigkeit von Personal und Klinikleitung. Ein Großteil der Patienten hätte wahrscheinlich gerettet werden können, hätte das Krankenhaus über Feuerlöscher, Notausgänge und einen Evakuierungsplan verfügt – und hätte das Personal nicht das Weite gesucht. Doch statt ihren Patienten zu helfen, soll sich die Klinikleitung mitsamt den meisten Ärzten und Schwestern aus dem Staub gemacht haben. Dabei ist AMRI kein namenloses Allerweltsspital, sondern eine der ersten Adressen des Landes. Erst vergangene Woche hatte die Zeitschrift „The Week“ das „Advanced Medicare and Research Institute“, wie AMRI mit vollem Namen heißt, zu einem der besten Hospitäler Indiens gekürt.

„Sie haben die Patienten einfach ihrem Schicksal überlassen“, schimpfte ein fassungsloser Angehöriger. „Es ist entsetzlich, dass die Verantwortlichen keinen Versuch gemacht haben, eingeschlossene Patienten zu retten“, empörte sich auch Subrata Mukherjee, Gesundheitsminister des Bundesstaates West-Bengalen. Vergeblich versuchten Anwohner, zu den Menschen in dem brennenden Hospital vorzudringen. „Jede Tür, jedes Fenster war verschlossen“, erzählt ein Mann. „Wir konnten keinen einzigen Patienten in Sicherheit bringen.“ Völlig abwegig ist dies nicht. In Indien kommt es durchaus vor, dass Privatkliniken ihre Patienten wie Gefangene einschließen – aus Angst, dass diese flüchten, ohne vorher die Rechnung zu begleichen.

Obwohl die notwendigen Behördendokumente vorlagen, hat das Krankenhaus offenbar zudem fundamentalste Sicherheitsvorkehrungen verletzt. West-Bengalens Regierungschefin Mamata Banerjee sprach von einem „unverzeihlichem Verbrechen“. Die Klinikführung, die zunächst geflohen war, stellte sich am Nachmittag der Polizei.

Das Feuer war gegen 3 Uhr 30 morgens im Keller des sechsstöckigen Gebäudes ausgebrochen und hatte sich dann in die höheren Stockwerke ausgedehnt. Erst nach über sechs Stunden gelang es der Feuerwehr, die Flammen unter Kontrolle zu bekommen. Die meisten Kranken seien in ihren Zimmern an Rauchvergiftung gestorben, einige auch verbrannt, hieß es. Die Feuerwehr musste die Fensterscheiben zertrümmmern, um zu den Patienten in den höheren Etagen vorzudringen und sie abzuseilen.

Der Brand schadet dem Standort Indien, das gerne mehr Medizintouristen aus dem Ausland anlocken würde. „Jedesmal, wenn ich einen solchen Vorfall wie AMRI sehe, bin ich überzeugt, dass wir eine Dritte-Welt-Nation mit Wahnvorstellungen von Größe sind“, twitterte selbst Abdullah Omar, Regierungschef des Bundesstaates Jammu und Kaschmir, wütend. Die Tragödie zeigt auch erneut, wie anfällig Indiens Millionenmetropolen für Unglücke dieser Art sind. Zwar gibt es auf dem Papier strikte Sicherheitsvorschriften, doch in der Praxis wird damit oft schlampig umgegangen.

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