Welt : Ätna: Der Vulkan grollt und spuckt

Klaus J. Schwehn

Ein heller, metallischer Knall, und aus dem Gipfel schiebt sich ein bedrohlich dunkler schwarzer Schlauch, öffnet sich oben wie ein Fallschirm, wird zu einem riesigen Rauchpilz. In der Luft hängt ein dumpfes Grollen, und die Menschen auf den Straßen, Plätzen und den Feldern am Fuß des Ätna bleiben wie erstarrt stehen. Dann scheint sich diese mächtige Qualmwolke nach vorn zu neigen; es wirkt, als wolle sie das Land bis zum Meer hin zudecken. Es ist ein beklemmendes, ein lähmendes Gefühl für die Menschen - und manchem schießt das Schicksal der Stadt Pompei am Vevus durch den Kopf; die im Jahr 79 nach Christi Geburt in glühendem Ascheregen unterging.

Ein zweites Pompei?

Die Menschen in Nicolosi, dem weiter nördlich liegenden Ort Zafferana, in den anderen Weilern und Ortschaften bis hin nach Catania haben eine weitere Nacht in Furcht hinter sich; und der Tag befreit sie nicht von der Sorge und der bangen Frage, was werden wird. Zwar hat sich am Montag der Lavastrom vor Nicolosi weiter verlangsamt, die glühend heiße Magma hat sich in eine Gebirgsmulde gewälzt. Die Männer im Städtchen stehen den ganzen Tag über auf der Piazza und diskutieren - vor allem über die nach ihrer Auffassung unzureichende Hilfe des Staates. Sie applaudieren Bürgermeister Salvatore Moschetto, der das Kabinett in Rom und Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit barschen Worten aufgerufen hat, den Notstand ausrufen zu lassen. Dann nämlich, ergänzt Zivilschutzchef Franco Barberi, könne den Menschen auch unbürokratisch, also rasch, geholfen werden. Rom hat reagiert und den Notstand ausgerufen. Grafik: Der Ätna - Europas größter Vulkan "Wir haben Angst, wir haben in der Nacht kein Auge zugetan", sagt einer an der Bar. Die anderen nicken stumm. Derweil sammeln sich die Frauen wieder in den Kirchen und beten. 1500 Menschen waren am Sonntagabend in einer Prozession der "glühenden Schlange" entgegen gezogen, die sich zu Tal wälzt. Zuvor hatte Pfarrer Salvatore Pappalardo auf der Piazza Vittorio Emanuele eine Messe gelesen - die Kirchen hätten die Gläubigen nicht fassen können. "Wir hoffen noch immer auf die Madonna", sagt eine alte Frau mit feuchten Augen.

Der Lavastrom hat sich verlangsamt, aber die Aktivitäten oben, an den Kraterschlünden, haben in der Nacht zu Montag zugenommen. Die hochschießenden Rauchpilze mehren sich; Explosionen sind zu hören bis weit hinein ins Land. Immer wieder schwankt die Erde: Der Boden bebt in weitem Umkreis. Und das ist für viele weit beängstigender als der Lavastrom: "Vor dem kann man weglaufen". Doch die Beben, das dumpfe Grollen, die schwarzen Aschewolken, sie schüren Urängste.

Denn der Himmel hat sich an diesem sonnigen, wolkenlosen Montag mitten im Hochsommer verdunkelt. Ein Grauschleier liegt über dem Land. Es regnet Asche, die der Wind vom Berg weit herunter getragen hat bis ans Meer: In Catania, in Taormina und in Siracusa laufen die Menschen mit Regenschirmen durch die Straßen: Es regnet keinen Tropfen, aber die schwarze Asche aus den Schloten des unbändigen Vulkans rieselt vom Himmel. An den Stränden bei Catania war es am Montag zeitweise kaum auszuhalten. Touristen eilten mit ihren Kindern heim in die Hotels und Pensionen, um Schutz zu suchen. Vielen brannten die Augen vor Staub und Asche. "Hier kann man nicht mehr baden", klagten viele.

Nachdem der Flughafen von Catania - mit dem beziehungsreichen Namen "Fontanarossa" - roter Springbrunnen - schon am Sonntagvormittag für mehrere Stunden hatte gesperrt werden müssen, weil die Start- und Landebahnen von der Asche gesäubert werden mussten, normalisierte sich der Flugverkehr am Montag zunächst einigermaßen. Aber es gab nach wie vor Behinderungen und Verspätungen auf diesem Flughafen, der Sommer für Sommer ein besonders stark frequentierter "Umschlagplatz" für den Pauschaltourismus ist. Unbequemlichkeiten für Ferienreisende: Teilweise waren Flüge nach Palermo, also an das ganze andere, westliche Ende der Insel Sizilien umgeleitet worden.

Derweil ging "die Schlacht am Ätna", wie die kriegerischen Parolen inzwischen heißen, unvermindert weiter. Flugzeuge warfen Ladungen von "Wasserbomben" ab; weniger, um dem glühenden Lavastrom zu imponieren, sondern mehr, um die umliegenden Wälder und Felder zu schützen, die in Brand zu geraten drohen. Bagger türmten neue Wälle auf, suchten nach Ableitungen. Der Gedanke, der Lava mit Sprengstoff zu Leibe zu rücken, um ihn umzuleiten, ist als verworfen worden - zu gefährlich.

In den bedrohten Dörfern, neben Nicolosi nun auch der weiter nördlich gelegene Ort Zafferana, haben die meisten Läden geschlossen. Vor allem die Boutiquen und Souvenirgeschäfte, wo die Einheimischen vorzugsweise Schmuck aus Obsidian - dem glänzenden, festen, schwarzen Lavastein - fertigen und anbieten, haben die Türen verrammelt. Weggehen oder hierbleiben, heißt die bange Frage. Derzeit noch überwiegt die Parole: "Ruhe bewahren".

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