Welt : Ätna: Geisterstunde

Daniela van Santen

Wie eine gigantische Kerze schoss die Lava heute Nacht in den Sternen übersäten Himmel Siziliens. Ehrfurcht ob der ungestümen Naturgewalt dieses brennenden und berstenden Berges fühlt der Besucher in der direkten Nähe des glühenden, bebenden Ungetüms. Doch mit einem heftigen Ruck werden die Zuschauer in die Realität geholt.

Ein seltsam anmutendes Bild drängt sich auf. Vulkanologen aus aller Herren Länder sind eingeflogen, um dem Objekt ihrer Begierde ganz nahe sein zu können. Wie ausgehungert nach Licht stürmen sie den donnernden Berg hinauf in Richtung Höhepunkt, obwohl es das Leben kosten kann. Wie lange haben sie auf einen derartigen Ausbruch eines Vulkans gewartet, warten müssen.

Wie Schlafwandler

Aus grauen Bärten tropft der Schweiß auf die an ihren Körpern klebenden Hemden, ihre Augen erblicken endlich, was zuvor nur Traumbilder ihnen zu liefern vermochten. Doch wie Schlafwandler sind ihre Augen leer und scheinen keinen festen Punkt fixieren zu können. Mehr oder weniger geschützt hecheln sie im internationalen Wettlauf aufgeregt der glühenden Lava entgegen. Ein jeder will, selbstverständlich, einen rein wissenschaftlichen Blick in den Hauptkrater des Ätna in 3300 Metern Höhe werfen. Ob es ihnen gelungen ist, mag niemand zu sagen, denn außer den Vulkanologen ist kaum jemand lebensmüde genug, Teilnehmer einer derartigen Kletterpartie zu sein. Kaum noch jemand schenkt den Vulkanologen Glauben, lagen sie doch mit ihren wissenschaftlichen Prognosen fast durchweg falsch.

Es ist ein zynischer Wettkampf von Wissenschaftlern, die Anerkennung ernten wollen. Viele Journalisten haben es aufgegeben, die Vulkanologen zu befragen. Sie bekommen ohnehin kaum richtige Informationen. Manche Experten flüchten sich vor den Mikrophonen, weil sie mit ihrem Latein am Ende sind. Wer hier am Ätna lebt, fühlt in erster Linie mit den Menschen in Nicolosi, für die die gesamte Existenz und vielleicht auch das eigene Leben auf dem Spiel stehen. Berichten über Computer-Simulationen und Satellitenbildern schenken sie nur noch ein müdes Lächeln. Müde sind sie wirklich. Und auch psychisch vollends erschöpft. Viele haben seit mehr als einer Woche kaum ein Auge zugetan. Oder in Schichten geschlafen, so dass immer einer in der Familie wach bleibt und jederzeit die anderen für einen Aufbruch alarmieren kann. Ein solcher Aufbruch bedeutet Abschied. Der Abschied von einem Haus, für das sie ein Leben lang gearbeitet haben, von den fruchtbaren Obst- und Gemüsegärten und den Weinbergen, die ihnen ein gesichertes Einkommen garantierten.

Sie sehen die Touristen, die in Scharen herbeiströmen, um live eine mögliche Katastrophe mitzuerleben und die es genießen, auf dem wackelnden Erdboden stehen zu können, um danach wieder in ihr sicheres Zuhause zurückzukehren.

Es ist ein groteskes Massenspektakel, bei dem der Berg entscheidet, wann und wie es ein Ende finden wird. Klar ist nur, dass das Ende von Menschenhand nicht bestimmt wird. Löschflugzeuge sind im Einsatz, doch ist es, als würde man mit Eierbechern voll Wasser ein in Flammen stehendes Haus löschen wollen. Genau wie die schweren Räumgeräte, die gleich Sissiphus die Lavamassen hin und her schieben.

Der Ätna hat seinen eigenen Plan. So wurde der Lavafluß jetzt ausgebremst, er sammelt sich in Schluchten, die er selbst seit 1892 gebildet hat.

Eine fast 90jährige Bewohnerin des Dorfes Nicolosi sieht in diesem Ausbruch des Ätna eine Antwort Gottes auf all die Verrücktheiten, die in der Welt passieren. Eine Demonstration der Bedeutungslosigkeit und Unwissenheit der Menschen. Sie glaubt fest, dass Gott uns zeigen will, dass eine Rückbesinnung auf ihn höchste Zeit ist. Nach einer Prozession in Nicolosi flossen die glühenden Lavamassen, die schon vor den Toren der Stadt angekommen waren, in eine Gebirgsmulde. Das, so die alte Sizilianerin, sei wiederum Gottes Antwort auf die unzähligen Gebete. Einwände tut die alte Frau ab: "Ihr habt noch immer nichts verstanden."

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