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Affäre um "Halbwesen" und "Onanie" : Lewitscharoff entschuldigt sich für Rede gegen künstliche Befruchtung

Onanie ist gefährlich, künstliche Befruchtung widerwärtig: Der Dresdener Bischof Heiner Koch hat die Rede von Sibylle Lewitscharoff heftig kritisiert. Nun entschuldigte sich die Büchner-Preisträgerin im ZDF-„Morgenmagazin“ teilweise.

Markus Kremser
Sibylle Lewitscharoff
Sibylle LewitscharoffFoto: dpa


Die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff hat sich nach der Kritik des Dresdener Bischofs Heiner Koch im ZDF-„Morgenmagazin“ für ihre Aussagen zur künstlichen Befruchtung und zu Retortenkindern entschuldigt. „Das tut mir wirklich leid, der (Satz) ist zu scharf ausgefallen. Ich möchte ihn sehr gerne zurücknehmen, ich bitte darum“, sagte die Schriftstellerin am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“.
Die Büchnerpreisträgerin hatte bei der Rede im Dresdner Staatsschauspiel Retortenkinder als „Halbwesen“ bezeichnet und die Reproduktionsmedizin mit Praktiken aus dem Nationalsozialismus verglichen. „Ich würde niemals ein Kind, das auf diese Weise zur Welt kam, als fragwürdigen Menschen bezeichnen“, sagte Lewitscharoff jetzt.
Sie stehe der Reproduktionsmedizin aber nach wie vor kritisch gegenüber. „Den Kindern werfe ich überhaupt nichts vor, sie können nichts dafür, wie sie auf die Welt kamen. Ich bin aber skeptisch gegenüber den modernen medizinischen Methoden. Man sollte stärker diskutieren und sich nicht damit befrieden, dass es diese Medizin gibt - und dann tun wir es eben.“ Ihr verursache es Unbehagen, dass auf der einen Seite Millionen Kinder in ärmlichen Regionen ein entsetzliches Leben führten, Eltern in reichen Regionen dagegen versuchten, auf künstlichem Wege Kinder zu zeugen.

Kritik des Dresdener Bischofs Heiner Koch

Der Dresdner Bischof Heiner Koch hatte zuvor schon am Donnerstagabend die Äußerungen der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff scharf kritisiert. Die katholische Kirche stehe der künstlichen Befruchtung aus mehreren Gründen sehr kritisch gegenüber, betonte Koch am Donnerstagabend in Dresden. Es sei jedoch völlig inakzeptabel, solche Kinder herabzuwürdigen oder abzuqualifizieren.
„Zutiefst abzulehnen und zu verurteilen ist es, wenn einem Kind die volle Achtung seiner von allem Anfang an unverlierbaren und unantastbaren Würde als Mensch und Person verweigert wird“, so der Bischof des Bistums Dresden-Meißen. „Alle Kinder verdienen Liebe und Zuneigung, denn jedes Kind ist ein Geschenk Gottes.“ Die Bedenken bezüglich der künstlichen Befruchtung gegen diese Kinder zu wenden, sei deshalb „ein höchst problematischer Irrweg“.
Bei der Kritik der katholischen Kirche an der künstlichen Befruchtung sei der Grundgedanke leitend, dass Kinder aus der liebevollen Partnerschaft ihrer Mutter und ihres Vaters gezeugt, geboren und herangebildet werden sollten, erklärte Koch. Zwar verstehe die Kirche die Sehnsüchte und die Verzweiflung der Paare, die sich vergeblich ein Kind wünschen. Sie habe aber große Bedenken, wenn die Maschinerie der Fertilitätstechnologie in Gang gesetzt werde.
Die Büchner-Preisträgerin Lewitscharoff hatte am Sonntag im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“ gehalten. Darin verurteilte sie künstliche Befruchtung, Samenspende für unfruchtbare oder lesbische Paare sowie Masturbation. Künstliche Befruchtung nannte sie „abartige Wege“. Vor Kindern, die so gezeugt worden seien, sei sie voller „Abscheu“. Sie seien „als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“

Sibylle Lewitscharoff schlägt hohe Wellen

Die Dresdener Rede von Sibylle Lewitscharoff hat hohe Wellen geschlagen. Der Dresdener Chefdramaturg nennt die Rede „tropfenweise verabreichtes Gift“, der Medienkritiker Stefan Niggemeier nennt sie „ungeheuerlich“.
Am Sonntag hatte die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff im Dresdener Schauspielhaus eine Rede unter dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“ gehalten (Hören Sie hier den Wortlaut ihrer Rede im Original). Gleich zu Beginn kündigt sie an, dass der Vortrag ernst sein werde. Gegen Onanie, künstliche Befruchtung und Samenspende für unfruchtbare oder lesbische Paare wendet sich die Autorin in scharfen, verletzenden Worten. Künstliche Befruchtung nennt sie „abartige Wege“.
Vor Kindern, die so gezeugt worden sind, sei sie voller "Abscheu". "Halbwesen", "zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas", nannte Lewitscharoff solche Kinder. "Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft", sagte Lewitscharoff und fragt rhetorisch, „Wie verstörend muss es für ein Kind sein, wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verlangt“.

Sibylle Lewitscharoffs Vergleich mit dem Nationalsozialismus

Von da sei es nur ein Schritt bis zur Praxis der „Leihmutterschaft“, bei der meist Frauen aus armen Ländern als „Gebärmaschinen“ benutzt würden. Ein Geschäft, das Sibylle Lewitschroff „grauenerregend“ nennt.
Dann zieht die Schriftstellerin einen Vergleich. „Angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor.“


Als die Sächsische Zeitung am Montag über die Rede im Schauspielhaus berichtet, nennt sie Lewitscharoffs Rede „mutig“. Die Autorin habe „vermintes Gelände“ betreten. Die Sächsische Zeitung wundert sich, dass es keine Reaktion des Publikums auf den Vergleich von Künstlicher Befruchtung und nationalsozialistischem Rassenwahn gegeben habe. „Ein Protest aus dem Publikum wäre spätestens hier zu erwarten gewesen. Doch er wird auch in den Foyergesprächen nach der Rede wenig hörbar“, schreibt die Sächsische Zeitung.

Die "Sächsische Zeitung" als Mitveranstalter hält sich mit Kritik an Sibylle Lewitscharoff zurück

Die "Sächsische Zeitung" ist Mitveranstalter der „Dresdener Reden“ im Staatsschauspiel. Heribert Prantl, Roger Willemsen und Jürgen Trittin hatten in den Wochen zuvor in Dresden gesprochen. Mit Kritik an Lewitscharoffs Positionen hält sich die Sächsische Zeitung zurück. Dem NS-Vergleich nennt sie jedoch „ungeheuerlich, so wie jeder NS-Vergleich ungeheuerlich ist“.
Der Medienjournalist Stefan Niggemeier wundert sich über die Stille nach der Rede. „Es gab keinen Aufschrei, keine bestürzten Reaktionen im Literaturbetrieb, der Sibylle Lewitscharoff seit Jahren mit Preis um Preis auszeichnet, keine aufgeregten Debatten in den Feuilletons, die sie im vergangenen Jahr feierten, als sie auch noch die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes erhielt, den Georg-Büchner-Preis“, schreibt Niggemeier in seinem Blog. Die "Sächsische Zeitung" könne oder wolle offenbar nicht unbefangen über Lewitscharoff berichten und angemessen scharfen Reaktionen keinen Raum geben, schreibt Niggemeier. Weil sie Mitveranstalterin der „Dresdner Reden“ ist und insofern auch Mit-Einladerin der Schriftstellerin sei.

Das Dresdener Schauspielhaus distanziert sich

Der zweite Veranstalter hat sich bereits von Sibylle Lewitscharoffs Rede distanziert. Der Chefdramaturg des Schauspielhauses, Robert Koall, verfasste einen Offenen Brief, den er mit den Worten beendet: „Ihre Worte sind nicht harmlos, Frau Lewitscharoff. Aus falschen Worten wird falsches Denken. Und dem folgen Taten. Deshalb sind es gefährliche Worte.“ (Lesen Sie den Wortlaut hier) Robert Koall nennt Sibylle Lewitscharoff einen „streitbaren Geist“ und das Theater einen „Ort der lebendigen, kritischen Auseinandersetzung“. Das Schauspiel setze sich ein für Differenz, für das Unbequeme und für Haltung und Gegenhaltung. Das alles müsse eine Gesellschaft und das alles müsse ein Theater aushalten. „Wenn aber die Würde der Menschen angetastet wird, kann das nicht unwidersprochen geschehen“, schreibt Koall.
Wenn Lewitscharoff in ihrer Rede Leihmutterschaft und lesbische Elternpaare als Fortführung nationalsozialistischer Familienpolitik mit anderen Mitteln bezeichne und auch noch als harmlose rhetorische Volte abtue, dann „befördert all das einen schleichenden Klimawandel in der Gesellschaft“, schreibt Koall. Das bemühe sich nicht um Toleranz und Solidarität, um Gemeinschaft und Gemeinwohl. „Das befördert Absetzung, Ausgrenzung, Abschottung, Abschaffung.“


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