Afrika : Der Naturschutzengel

Der Retter der Serengeti schickte ihn vor 30 Jahren zum Viktoriasee, Schimpansen auswildern. Seitdem ist Markus Borner nicht mehr losgekommen von den Tieren Afrikas. Über das Erbe Bernhard Grzimeks, der heute 100 Jahre alt geworden wäre

Dagmar Dehmer[Frankfurt am Main]
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Er ist überall. Von unzähligen Plakaten lächelt Bernhard Grzimek derzeit den Besuchern des Frankfurter Zoos zu, stets in Begleitung eines Tieres. Er war nach dem Krieg der erste Direktor hier, und am heutigen Freitag wäre Grzimek 100 Jahre alt geworden. Wenn er nicht 1987 gestorben wäre. An Herzversagen, bei einer Zirkusvorstellung.

Auch Markus Borner ist in Frankfurt, angereist, um Grzimek, seinen früheren Kollegen bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), zu würdigen. Borner setzt im Serengeti-Nationalpark in Tansania die Arbeit seines berühmten Vorgängers fort. Grzimek hatte ihn 1977 beim World Wide Fund for Nature (WWF) abgeworben und auf die Insel Rubondo im ostafrikanischen Viktoriasee geschickt, um dort Schimpansen auszuwildern. Grzimek hatte die Tiere in Zoos und Zirkussen beschafft, und am Anfang klappte das mit der Auswilderung überhaupt nicht. Doch als Borner 1984 die Insel in Richtung Serengeti verließ, um dort gemeinsam mit Grzimek eine Basis der ZGF aufzubauen, „waren die Schimpansen wieder wild geworden“, erzählt er.

Grzimek. Tierarzt, langjähriger Direktor des Frankfurter Zoos, Mitbegründer des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Fernsehlegende, Retter der Serengeti.

Borner hat das Einsatzgebiet ausgeweitet. In Gedanken ist der kleine, drahtige 64-Jährige schon bei seinem nächsten Projekt. 32 Nashörner sollen umziehen, von Südafrika in den Ngorogoro-Krater in der Serengeti. Für einige von ihnen ist es bereits der zweite Umzug, sie sind von Kenia aus nach Südafrika gelangt. „Aber da“, sagt Borner, „passen die ja gar nicht hin, das ist die nördliche Art der schwarzen Nashörner.“ Deshalb sollen die Tiere nun, nachdem sie sich im Exil vermehrt haben, ihrer Heimat wieder ein bisschen näher gebracht werden.

Auch im Frankfurter Zoo gibt es schwarze Nashörner. Neben ihrem Gehege ist eine mannshohe Transportkiste aufgebaut, in deren Innerem sich Zoobesucher informieren können, wie so ein Nashornumzug funktioniert. „Wir wollen zwölf solcher Kisten auf einmal verladen“, erzählt Borner. Nach den Feierlichkeiten zu Grzimeks 100. Geburtstag wird er sofort weiter nach Stuttgart reisen, um mit der Einsatzleitung der amerikanischen Afrikabrigade darüber zu verhandeln, ob die US-Armee den Umzug übernehmen kann. „Das macht Spaß“, sagt Borner lachend. Er ist aufgekratzt, was man von den Nashörnern hinter ihm nicht behaupten kann. Die rühren sich kaum. Ihr Gehege ist ein staubiger Graben, umgeben von einer brusthohen Mauer. Kaum zu glauben, dass hier einmal drei Nashornbabys geboren wurden, die später im südafrikanischen Marakele-Nationalpark ausgewildert wurden.

Als Grzimek den Zoo nach Kriegsende übernahm, war nicht mehr allzu viel von ihm übrig. Bombenkrater verunstalteten das Gelände, der Tierbestand war stark dezimiert. Dass die amerikanische Militärverwaltung Grzimek zunächst den Posten des Frankfurter Polizeichefs antrug, den er jedoch abgelehnt habe, um Zoodirektor zu werden, dürfte eine Legende sein – so sieht es jedenfalls Claudia Sewig, deren Biografie „Bernhard Grzimek. Der Mann, der die Tiere liebte“ gerade erschienen ist. Tatsächlich aber verliefen die frühen Jahre des Zoochefs offenbar nicht ganz so geradlinig, wie es später den Anschein hatte, nachdem Grzimek mit seiner Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“ zum bekanntesten Frankfurter nach Johann Wolfgang von Goethe avanciert war.

Grzimek, der unter Hitler im Reichslandwirtschaftsministerium für die Kennzeichnung und Lagerung von Eiern zuständig war, war zwar kein Nazi. Doch Sewig zufolge stand er dem Regime deutlich näher, als er es später – auch unter Eid – jemals eingestehen wollte. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP wurde nie gerichtlich nachgewiesen. Doch die Verdachtsmomente reichten aus, um ihn 1948 mehrere Monate lang ohne Bezüge von seinem Direktorenposten freizustellen. Am Ende wurde Grzimek von den Vorwürfen freigesprochen und machte sich mit Eifer daran, den Frankfurter Zoo wieder aufzubauen. Er ließ Zirkuskünstler auf dem Zoogelände auftreten und eine Achterbahn bauen, das Zirkuszelt im Zoo war lange der einzige Versammlungsraum in Frankfurt. Die Besucherzahlen stiegen und stiegen.

Ein großer Zoo ist aus der Frankfurter Institution trotzdem nie geworden, bis heute ist er überschaubar. Immerhin 4000 Tierarten werden hier gezeigt, doch ein Rundgang dauert gerade einmal zwei Stunden. Rundherum schmiegen sich Wohnhäuser eng an den  Zoo. Dass es Grzimek und seinen Nachfolgern trotzdem gelungen ist, in einigen Teilen des Parks großzügige Anlagen einzurichten, spricht für ihren Erfindungsreichtum. Inzwischen sieht sich der Zoo auf dem Weg zu einem „Naturschutzzoo“, der nach und nach die Haltung einzelner Arten aufgibt, um den verbleibenden Tieren mehr Platz zu verschaffen.

Zu Grzimeks Zeiten war es wichtiger, für Attraktionen zu sorgen. Das gelang immer wieder, zum Beispiel mit dem ersten Okapi, das jemals in einem deutschen Zoo zu sehen war. Die scheue Waldgiraffe aus dem Ituri-Regenwald im Ostkongo gehört noch heute zu den Sensationen des Zoos. Das erste der Tiere beschaffte Grzimek während einer Reise in den Kongo, als das Land noch unter belgischer Kolonialverwaltung stand. Ein paar Jahre später kam ein Weibchen hinzu, und tatsächlich kam im Frankfurter Zoo Nachwuchs zur Welt.

Die Okapis stehen, wie auch die Flachlandgorillas im Menschenaffenhaus, noch für etwas anderes: das Engagement der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt im praktischen Naturschutz. Einer der Schwerpunkte ist die Demokratische Republik Kongo. Dieses und alle anderen Afrikaprojekte koordiniert Borner von seinem Büro in der Serengeti aus. Erst vor zwei Wochen ist er zuletzt im Virunga-Nationalpark gewesen. „Die Ranger da haben eine harte Zeit hinter sich“, sagt er. Tutsi-Rebellen hatten sich in den Kriegswirren monatelang im Nationalpark verschanzt. „Doch die Ranger sind geblieben“, sagt Borner. Auch er selbst hat in diesen Tagen viel Elend im Ostkongo gesehen. Trotzdem sei er überzeugt, sagt Borner, dass auch in Krisenzeiten die Erhaltung von Naturressourcen nicht aus dem Blickfeld geraten dürfe. „Für die Zukunft der Menschen ist das genauso wichtig wie die direkte Nothilfe“, sagt Borner. Er gerät ins Schwärmen. „Das Gebiet mit den Vulkanen, dem Kivu-See, den grünen Hügeln – es ist sagenhaft schön.“

Im Ituri-Regenwald, der im Norden an den Virunga-Nationalpark angrenzt, und wo nun ein prekärer Frieden herrscht, will sich die ZGF frühzeitig in die Erschließung eines 14 000 Quadratkilometer großen Regenwaldgebiets einmischen, in dem Flachlandgorillas und Okapis leben. „Geschützt war dieser Park nur, weil er komplett unerreichbar war“, berichtet Borner. Jetzt gibt es Pläne, eine Straße zu bauen, um den Park zu erschließen. Borner weiß, was das heißt: Erst siedeln sich an der Straße Menschen an, dann wird die Schneise immer breiter, weil die Menschen Bäume fällen für Feuerholz und Baumaterial.

Bereits jetzt lässt sich dieser Effekt entlang einer von Chinesen gebauten Straße durch den Ituri-Regenwald nach Uganda beobachten. Es gibt sie erst seit zwei Jahren, doch an ihren Flanken wuchert der Kahlschlag. „Da müssen wir uns als Naturschützer viel früher einklinken“, sagt Borner.

Doch auch in der Serengeti wartet jede Menge Arbeit auf Borner und seine Kollegen. Zwar gibt es in der Region, die vom nördlichen Tansania bis ins südliche Kenia reicht, inzwischen wieder mehr als eine Million Gnus – Grzimek und sein Sohn Michael hatten, als sie Ende der 50er Jahre ihren oscargekrönten Film „Serengeti darf nicht sterben“ drehten, gerade noch 300 000 Exemplare gezählt. Doch dem Naturpark drohen inzwischen neue Gefahren. Das Ökosystem der Serengeti kann nur überleben, wenn der Mara-Fluss, der in Kenia entspringt, auch in Zukunft nicht austrocknet. Es ist der einzige Fluss, der auch in der Trockenzeit noch Wasser führt. Borner hat ausgerechnet, dass eine drei- bis vierwöchige Trockenphase hunderttausende Zebras, Gnus und andere Antilopen das Leben kosten würde. Dann könnte die Zahl der Gnus auf rund 200 000 sinken, und diese verbliebenen Exemplare könnten, wie Borner es ausdrückt, „in ein Räuberloch fallen“. Gemeint ist, dass Löwen, Hyänen und andere Raubtiere den dezimierten Gnu-Bestand schnell auslöschen würden. Ein komplettes Ökosystem geriete ins Rutschen, wenn der Fluss austrocknet.

Neben dem Klimawandel trägt zur Trockenheit des Mara-Flusses auch die politische Situation in Kenia bei. Das Land hat nur noch ein einziges größeres Waldgebiet: den Mau-Forest. Die Regierung hat zwar versprochen, das Gebiet zu schützen und illegale Siedler zu vertreiben. Doch das ist politisch heikel, weil sich die frühere Präsidentenfamilie und amtierende Minister illegal Landrechte beschafft haben.

Hinzu kommen Bewässerungsprojekte entlang dem gesamten Fluss. Immer mehr Wasser wird für die Landwirtschaft entnommen. Borner sagt: „Gewarnt wird schon lange. Aber Geschrei gibt es erst, wenn die Gnus zu Tausenden sterben.“ Im vergangenen Jahr, sagt Borner, seien Hunderte von Gnus im Mara-Fluss ertrunken, weil so viele Touristenautos am Ufer standen, dass sie nicht mehr an Land klettern konnten. Und im Ngorogoro-Krater, an dessen Rand Bernhard Grzimek und sein Sohn Michael begraben sind – er kam 1959 bei den Dreharbeiten zu „Serengeti darf nicht sterben“ bei einem Flugzeugabsturz ums Leben – sieht es „am Sonntag aus wie auf einer Autobahn“.

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