Welt : Aids: Die Spur führt zu den Schimpansen

HARTMUT WEWETZER

Der Haupterreger der Immunschwäche Aids ist offenbar von Schimpansen auf den Menschen übergegangen.Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Beatrice Hahn von der Universität von Alabama in Birmingham, die am Donnerstag in der Zeitschrift "Nature" (Band 397, Seite 436) veröffentlicht wird.Gemeinsam mit anderen Virusforschern fand die deutsche Wissenschaftlerin heraus, daß alle für den Menschen ansteckenden Formen des Humanen Immunschwäche-Virus HIV-1 von einer bestimmten Form des Affen-"Aidsvirus" SIV abstammen.Diese als SIVcpz bezeichnete Variante findet sich in einer zentralafrikanischen Unterart des Schimpansen mit Namen Pan troglodytes troglodytes.In der Herkunftsregion dieser Tiere vermuten die Wissenschaftler auch den Ursprungsherd von Aids.

Bislang galt unter Aids-Forschern lediglich die Verbindung des Virustyps HIV-2 zu Mangaben-Affen als gesichert, da die Erbinformation von HIV-2 mit der des Mangaben-Virus SIVsm übereinstimmt.Doch beschränkt sich die HIV-2-Epidemie bisher im wesentlichen auf Westafrika, Portugal und Indien, und die Krankheit verläuft weniger ausgeprägt als die HIV-1-Epidemie.HIV-1 und HIV-2 unterscheiden sich genetisch erheblich, nämlich zu 50 Prozent, so daß man fast von zwei verschiedenen Aids-Epidemien sprechen könnte.

Die Verbindung von HIV-1 zu Schimpansen war vermutet, aber auch bestritten worden, weil die in den Menschenaffen gefundenen Erreger sich genetisch sehr stark von den Aids-Erregern beim Menschen unterschieden.Beatrice Hahn konnte nun das Geheimnis der Herkunft von HIV-1 lüften.Bisher waren drei Infektionen wilder Schimpansen mit dem HIV-Verwandten SIVcpz bekannt, und Frau Hahn fand eine vierte.Dann verglich sie das Erbgut der befallenen Tiere mit dem anderer Schimpansen.Es stellte sich heraus, daß zwei Schimpansen-Unterarten SIVcpz beherbergten, nämlich Pan troglodytes troglodytes in Zentralafrika und und der weiter östlich lebende Pan troglodytes schweinfurthii.

In einem dritten Schritt konnte die Wissenschaftlerin die drei Hauptgruppen von HIV-1 mit Namen M, N und O auf eine einzige der vier SIVcpz-Varianten zurückführen.Sie stammte aus der Schimpansen-Unterart Pan troglodytes troglodytes.Die Vermutung der Forscherin: Der Erreger muß mindestens dreimal jeweils unabhängig voneinander von Schimpansen auf den Menschen übergegangen sein.Schimpansenfleisch gilt in manchen Regionen Afrikas als Delikatesse, und Affenblut könnte die Infektionsquelle gewesen sein.

Die jetzigen Erkenntnisse über den Ursprung von Aids nützen denn auch weniger den von der Krankheit betroffenen Menschen als unter Umständen den vom Aussterben bedrohten Schimpansen.Vor zehn Jahren wurde ihre Zahl noch auf weltweit 200 000 geschätzt, doch werden nach manchen Schätzungen jedes Jahr mehrere tausend Schimpansen getötet.Das Aids-Risiko könnte nun dem Appetit auf Affenfleisch einen Dämpfer geben.Die Schimpansen selbst sind gegen Aids immun.

Unterdessen haben Versuche mit einem Lebendimpfstoff gegen Aids einen Rückschlag erlitten: Makaken-Affen, die Ruth Ruprecht vom Dana-Farber- Krebsinstitut in Boston mit einer abgeschwächten Form des Affen-"Aidsvirus" SIV geimpft hatte, erkrankten zu 25 Prozent an der Immunschwäche.

Neuer HIV-Höchststand in Deutschland

BERLIN (AP).Die Zahl der in Deutschland lebenden HIV-Infizierten hat Ende 1998 mit 37 000 Personen einen neuen Höchststand erreicht.Das teilte das Aids-Zentrum des Robert-Koch-Instituts in Berlin mit.Weltweit sei die HIV-Epidemie in vielen Ländern der Welt außer Kontrolle geraten, hieß es unter Berufung auf neueste Schätzungen der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO).Mit 5,8 Millionen Neuinfektionen allein im Jahr 1998 steige die Zahl der HIV-Infizierten weltweit auf über 33 Millionen.

In Deutschland sei zwar durch die neuen Kombinationstherapien die Zahl der Aids-Erkrankungen und -Todesfälle mit jeweils etwa 800 im Jahr 1998 auf den niedrigsten Stand seit über zehn Jahren zurückgegangen, erklärte das Robert-Koch-Institut.Anhaltspunkte für einen gleichzeitigen Rückgang der HIV-Infektionen gebe es jedoch nicht.Immer noch infizierten sich in Deutschland jedes Jahr über 2000 Personen neu mit dem Virus.

Die Hälfte aller Neuinfektionen tritt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in der Gruppe der homo- und bisexuellen Männer auf.Der Anteil der Fälle mit vermutetem heterosexuellen Übertragungsweg habe in den letzten Jahren zugenommen und liege bei etwa 17 Prozent.Neben dem sexuellen Übertragungsweg stelle Drogengebrauch auch heute mit etwa 14 Prozent der Neuinfektionen ein bedeutsames Risiko dar.Der Anteil der Frauen unter den neu diagnostizierten HIV-Neuinfektionen habe 1998 bei 22 Prozent gelegen.

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