Welt : Aids: Er gab der Krankheit ein Gesicht

Wolfgang Drechsler

Als sich im letzten Jahr Tausende von Menschen zur Welt-Aids-Konferenz im südafrikanischen Durban trafen, waren es nicht Wissenschaftler oder hochrangige Politiker sondern ein 11-Jähriger Junge, der die Menschen in seinen Bann zog. Mit einfachen Worten, die er selbst verfasst hatte, schilderte der todkranke Nkosi Johnson damals sein Schicksal - und stellvertretend das der fast fünf Millionen Südafrikaner, die mit dem tödlichen HIV-Virus infiziert sind. "Wendet euch bitte nicht ab, sondern akzeptiert uns, denn wir sind doch auch Menschen", rief er den sichtlich ergriffenen Zuhörern am Ende mit leiser aber fester Stimme zu.

Wie groß die Bedeutung des kleinen Aids-Waisen für Südafrika ist, wurde gestern abermals deutlich, als die Nachricht vom Tod des kleinen Nkosi gegen Mittag über die Bildschirme flimmerte. Das Fernsehen unterbrach sein Programm und in einigen Städten läuteten spontan die Glocken. Vor Nkosis Wohnhaus im Johannesburger Vorort Melville versammelten sich wildfremde Menschen, um dem kleinen Jungen zu gedenken, der mit seinem Mut, seinem Frohsinn und seiner Entschossenheit mehr als jeder andere dazu beigetragen hat, dass die Mauer des Schweigens, die die Immunschwächekrankheit am Kap noch immer umgibt, vielerorts fällt.

Geboren wurde Nkosi Johnson als Xolani Nkosi vor 12 Jahren in einer Armensiedlung östlich von Johannesburg. Seinen Vater lernte er nie kennen; seine Mutter Daphne Nkosi hatte Aids und steckte ihren Sohn bei der Geburt an. Der kleine Xolani wurde zur Statistik - zu einem von 70 000 Babys, die jedes Jahr bei der Geburt mit dem HIV-Virus infiziert werden.

Doch Xolani war ein Kämpfer. Er feierte seinen zweiten Geburtstag, obwohl dies für HIV-infizierte Babies eine Seltenheit ist. Als die Kräfte seiner Mutter schwanden und sie ihn nicht mehr ernähren konnte, gab sie ihn schließlich weg. 1997 starb Daphne Nkosi an Aids. Da hatte die weiße Südafrikanerin Gail Johnson den kleinen Xolani, der fortan mit Voirnemen Nkosi hieß, schon adoptiert - mit der vollen Zustimmung seiner leiblichen Mutter. "Ich hatte einen Aids-Fall im engsten Freundeskreis und wollte mehr tun, als nur darüber reden" erzählt Johnson. Nkosi zog zu seiner Pflegemutter in einen ruhigen Johannesbuger Vorort und fand schnell Freunde.

Berühmt wurde der Junge, als er 1997 um einen Unterrichtsplatz in der örtlichen Grundschule kämpfte. Die Schule lehnte die Aufnahme ab, als bekannt wurde, dass Nkosi HIV-positiv war. Nach landesweiten Protesten gab das Direktorium jedoch nach. In allen Provinzen mußten die Schulen darauf neue Richtlinien für HIV-kranke Schüler entwerfen. Die letzten Monaten waren für den kleinen Nkosi eine einzige Qual: Kurz nach Weihnachten brach er zusammen und fiel in ein Koma, aus dem er nie mehr richtig erwachte. Doch er kämpfte weiter - noch fast fünf ganze Monate lang.

Trotz seines traurigen Schicksals gehört Nkosi am Kap zu den Glücklicheren. Schließlich wurde er, zumindest am Ende, tatsächlich akzeptiert und geliebt. Unter denen, die sich gestern bei ihm zuhause trafen, waren auch jene Schulfreunde, die einst von ihren Eltern gewarnt wurden, den kleinen Nkosi nicht zu berühren. Auch die Kinder in dem nach Nkosi benannten Aids-Hospiz werden künftig einen Freund vermissen, der mit Hingabe Räuber und Gendarm spielte, aber immer nur Gendarm sein wollte. Firmen- und Privatspenden haben inzwischen die Eröffnung eines zweiten Nkosi-Aids-Hospizes in einem Johannesburger Township ermöglicht. Seine Pflegemutter hofft, dass weitere folgen werden. Eines ist sicher: Nkosis Name, der in Zulu soviel wie "Herr" oder "König der Könige" bedeutet, wird weiterleben.

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