Aids : Können HIV-Infizierte auf Kondome verzichten?

Die Schweiz beurteilt das Risiko für bestimmte Gruppen neu – Deutschland warnt vor falschen Schlüssen.

Adelheid Müller-Lissner

Eigentlich richtete sich der Bericht, der vorgestern in der „Schweizerischen Ärztezeitschrift“ zu finden war, gezielt an die Mediziner des Landes. Doch er hat in unserem Nachbarland für allgemeine Aufregung, vor allem aber für reichlich Verwirrung gesorgt. Die Eidgenossen wundern sich: Finden es unsere Ärzte jetzt wirklich vertretbar, dass HIV-Infizierte Sex ohne Kondome haben? Widerspricht das nicht allen Kampagnen, mit denen das Bundesamt für Gesundheit unter dem Motto „Love Life Stop Aids“ die Bürger seit Jahren zu mehr Wachsamkeit mahnt?

Die Antwort auf diese Frage ist ein klares Nein. Was die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) des Schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit jetzt in der Fachzeitschrift darlegt, betrifft nur eine ausgesprochen kleine Gruppe von HIV-Infizierten: Gemeint sind nur Infizierte, die seit mindestens sechs Monaten Medikamente nehmen und bei denen sich das Immunschwäche-Virus im Blut nicht nachweisen lässt. Unter der Voraussetzung, dass sie die Behandlung weiter unter ärztlicher Kontrolle durchhalten, dass sie keine anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen haben und dass sie in einer festen Partnerschaft leben, können sie zusammen mit ihrem HIV-negativen Partner die verantwortliche Entscheidung treffen, beim genitalen Sex auf Kondome zu verzichten. In Deutschland lässt sich die frohe Botschaft Schätzungen zufolge auf weniger als 3000 HIV-Infizierte anwenden, in der Schweiz dürfte nur eine dreistellige Zahl betroffen sein. Beim Bundesamt für Gesundheit legt man Wert darauf, dass die Regeln für Safer Sex in allen anderen Konstellationen ihre Gültigkeit behalten. In Deutschland wie der Schweiz infizieren sich heute in den allermeisten Fällen homosexuelle Männer bei Gelegenheitspartnern. In solchen Situationen sollte sich keiner auf Zusicherungen verlassen – auch nicht auf solche, die die Therapie und die Blutwerte betreffen.

Revolutionär ist die Botschaft der EKAF dennoch: Denn die Schweiz ist das erste Land weltweit, in dem ein Fachgremium ein solches positives Votum zum ungeschützten Sex trotz HIV öffentlich verkündet. Aus Erfahrungsberichten oder Studien sei kein einziger Fall bekannt, in dem ein HIV-Patient während einer wirksamen Langzeittherapie das Virus auf diese Weise weitergegeben habe, untermauert der international renommierte Aidsforscher Pietro Vernazza vom Kantonspital St. Gallen die neue Empfehlung. Auf HIV spezialisierte Mediziner hätten im konkreten Fall ihren Patienten, die alle Bedingungen dafür erfüllten, schon seit einiger Zeit grünes Licht gegeben, wenn sie sich etwa einen Kinderwunsch erfüllen wollten. Nun sei es an der Zeit, dass alle HIV-Infizierten und ihre Partner von der Erlaubnis Kenntnis erhielten, sagte der Infektiologe gestern der „Neuen Zürcher Zeitung“. Beim in Deutschland zuständigen Robert Koch Institut (RKI) zeigt man sich deutlich zurückhaltender. „Es ist sicherlich richtig, dass die Therapie in den letzten Jahren immer besser wurde, und dass die Infektiosität HIV-Infizierter deutlich gesunken ist“, sagte der HIV-Experte Osamah Hamouda dem Tagesspiegel. Angesichts steigender Infektionen könne von der Erlaubnis zum ungeschützten Geschlechtsverkehr aber ein falsches Signal ausgehen – auch wenn sie differenziert formuliert sei. „Fachlich sehe ich in dem Papier nichts Falsches, doch die Einschränkungen, unter denen die Empfehlung steht, könnten auf dem Weg zum ‚Endverbraucher’ verloren gehen.“ Zudem bleibe bei noch so guten Blutwerten ein Restrisiko. Denn üblicherweise kontrolliert der Arzt die Blutwerte nur alle drei Monate. In der Zwischenzeit könnte der Erreger sich wieder vermehrt haben. Darüber müsse der Arzt in der individuellen Beratung aufklären, sagt Hamouda. Der Wissenschaftler glaubt auch nicht, dass die gute Nachricht in die Form einer offizielle Verlautbarung gegossen werden muss, um bei der Zielgruppe anzukommen. „Die allermeisten HIV-Infizierten wissen ohnehin ausgesprochen gut über alle Details ihrer Krankheit Bescheid.“

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