Airbus-Absturz : Air-France-Maschine offenbar in der Luft zerbrochen

Ein gewaltiges Gewitter hat die Piloten überrascht, die Systeme fielen nach und nach aus. Das ist wahrscheinlich die Ursache des Airbus-Absturzes über dem Atlantik, bei dem laut Auswärtigem Amt auch 28 Bundesbürger ums Leben gekommen sind.

Oelspur
Neue Spekulationen über die Unglücksursache: Auch der Ölfilm an der Absturzstelle gibt Aufschlüsse. -Foto: dpa

Fernando de NoronhaBeim Absturz des Air-France-Airbus A330-200 in der Nacht zum Montag sind laut Auswärtigem Amt 28 Bundesbürger ums Leben gekommen. Dies Bislang war man von 26 deutschen Todesopfern ausgegangen. Zugleich werden Details aus der Unglücksnacht bekannt. Unmittelbar vor dem Absturz in den Atlantik, bei dem alle 228 Menschen an Bord starben, sendete hat der Jet zwar kein Notsignal, wohl aber eine ganze Reihe von Funkmeldungen: Demnach fielen "mehrere Apparate" nach und nach aus. Sowohl der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt als auch die brasilianische Zeitung O Estado de S. Paulo berufen sich bei ihren Angaben auf Informationen von Air France, die derzeit in Expertenkreisen erörtert würden.

Den Berichten zufolge hat der Pilot zunächst manuell ein Signal übermittelt, dass der in Rio de Janeiro gestartete Airbus durch eine Region mit sogenannten "CBs" fliege: schwarze, elektrisch aufgeladene Wolken, die mit starken Winden und Blitzen einhergehen. Der Funkspruch passt zu Satellitendaten zum Zeitpunkt des Absturzes. Aufnahmen zeigen, wie Gewitter bis zu 160 Stundenkilometer schnelle Sturmböen gegen die Flugrichtung der Maschine geschickt haben.

Auch Großbongardt vermutet, dass die Maschine auf ihrem Weg nach Paris in ein schweres Tropengewitter geraten ist. "Das ist ein Hexenkessel." Da gehe es mit 185 Stundenkilometern senkrecht aufwärts, kurze Zeit später gehe es nach unten. Sei der Flug dann erst einmal instabil, könne eine weitere Turbulenz die Maschine überlasten. Die Piloten wollten das Unwettergebiet offenbar schnell durchfliegen, denn man könne dieses nicht seitlich umgehen. Aber: "Zum Zeitpunkt des Unglücks sind über dem Atlantik zwei große Gewitterzellen sehr schnell zusammengewachsen. Das Wetter hat sie wohl überholt."


Um überhaupt noch reagieren zu können, habe sich die Crew im Cockpit dazu entschlossen, das Flugzeug nunmehr von Hand zu steuern. Der Autopilot wurde abgeschaltet, ein entsprechender Funkspruch ging um 4:10 Uhr deutscher Zeit über den Äther. Darüber hinaus wurde das Computersystem offenbar auf eine alternative Energieversorgung umgeschaltet. Kontrollen, die für die Stabilität des Flugzeugs gebraucht werden, waren zu diesem Zeitpunkt bereits beschädigt.

Drei Minuten später verloren die Piloten die Kontrolle über Geschwindigkeit, Höhe und Richtung ihrer Maschine. Das Navigationsgerät fiel aus, die Bordbildschirme wurden schwarz. Dann konnten sie auch den Hauptflugcomputer und die Tragflächen-Störklappen nicht mehr bedienen.

Die letzte Meldung weist dann auf einen Abfall des Kabinenluftdrucks und den Ausfall der Elektrik hin. Nach Einschätzung von Experten kann dies entweder einen plötzlichen Druckabfall bedeuten oder auch heißen, dass das Flugzeug schon in den Ozean stürzte.

Nach Berichten anderer Medien soll das Flugzeug als letztes vereiste Messinstrumente gemeldet haben. Während eines Unwetters legen sich in zwei, drei Sekunden sechs Tonnen Eis auf das gesamte Flugzeug. Wenn dann die Fühler vereist sind, die das Flugzeug braucht, um seine Geschwindigkeit und Höhe zu ermitteln, dann bekommt der Computer falsche Daten", zitierten Medien Jean Serrat, Unfallforscher und ehemaliger Air-France-Pilot.

Sollten sich all diese Angaben als korrekt erweisen, deutet alles darauf hin, dass Flug 447 binnen Minuten in seine gefährliche Lage geraten und anschließend in tausenden Metern Höhe auseinandergebrochen ist. Dieses Szenario spricht damit auch gegen Spekulationen über einen Bombenanschlag. Vier Minuten vom Abschalten des Autopiloten bis zum Abfall des Kabinendrucks seien "dann doch eine eher lange Zeit", sagte Großbongardt. "Das zeigt, dass die Piloten versucht haben, das Problem in den Griff zu bekommen." Ein Gewitterblitz allein könne da nicht alleinige Ursache sein: "Ein Blitzschlag holt kein Flugzeug dieser Größe vom Himmel."

Die französischen Behörden warnten indes vor solchen Spekulationen und dämpften die Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung. "Die Ermittlungen dauern lange, manchmal sehr lange, denn man kann sich nicht mit 80 Prozent Verständnis zufriedengeben", sagte der Direktor des Amts für Unfallanalysen (BEA), Paul-Louis Arslanian. "Wir können uns nicht erlauben, zu spekulieren." Das Amt will Ende Juni einen ersten Bericht vorlegen und hofft, bis dahin, den Flugschreiber geborgen zu haben.

Unterdessen werden im Laufe des Donnerstags weitere Marine-Schiffe in dem Seegebiet rund um den Absturzort erwartet. Sie sollen eine Zone mit einem Radius von 230 Kilometer durchkämmen, die sich in der Nähe der Sankt-Peter-und-Pauls-Felsen befindet, einer winzigen, kahlen und unbewohnten Inselgruppe im Atlantik. Die Suche gestaltet sich äußerst schwierig. Die bisher auf fünf Kilometer Länge gesichteten Trümmer wurden durch die Meeresströmung bereits weiter getrieben. (kg/dpa/rtr)

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