Airbus-Absturz : Um den Abschied gebracht

Trauer ist besonders schwer, wenn ein Angehöriger unauffindbar ist und die Todesumstände unklar sind.

Adelheid Müller-Lissner

Um im Gespräch mit Antoine de Saint-Exupéry, dem Autor des „Kleinen Prinzen“, zu bleiben, hat seine Witwe Consuelo ihm jahrelang jeden Sonntag einen Brief geschrieben. „Warum, Tonio, mein Tonio, meine Last und meine Freude, ... warum bist Du gegangen?", heißt es in einem der unzähligen „Sonntagsbriefe“, die nie in einen Umschlag gesteckt werden konnten. Teile des Wracks der Maschine, in der Saint-Exupéry saß, wurden erst nach dem Tod seiner Frau gefunden.

Wenn der geliebte Mensch verschwunden ist, haben Angehörige es ungeheuer schwer, sich von dem Toten zu verabschieden. Auch wenn am Mittwoch in der Pariser Kathedrale Notre Dame eine Trauerfeier stattfand, werden die Familien, Partner und engen Freunde der 228 Opfer in der Air-France-Maschine ein Stück weit um Abschied und Trauer betrogen. Das Lebewohl, das sie vielleicht vor ein paar Tagen oder Wochen am Heimat-Flughafen ausgesprochen hatten, war ja nur für kurze Zeit gedacht gewesen. „Bei einem plötzlichen Todesfall liegt oft noch Unerledigtes in der Luft, vielleicht sogar unausgetragene Konflikte, die Trauer beginnt ohne jede Vorbereitung“, sagt der Psychologe und Theologe Thomas Schnelzer, der an der Uni Regensburg Lehrveranstaltungen zum Thema Trauer gibt. Angesichts des rätselhaften Verschwindens der Maschine machten die Angehörigen zudem Stunden der Ungewissheit durch, die es später schwer machen, den Verlust der geliebten Menschen als Tatsache zu realisieren. Es fehlte nicht nur die Möglichkeit, dem Sterbenden beizustehen, dem Toten die Augen zuzudrücken und ein letztes körperliches Bild von ihm zu bewahren. Es fehlt auch das Wissen um die genauen Umstände des Todes. „Das bleibt der Phantasie überlassen, die die Dinge leider oft noch viel schlimmer macht“, sagt der Psychologe und Psychotherapeut Arnold Langenmayr, der an der Uni Essen jahrelang zur Trauerarbeit geforscht hat.

Ein realer Ort, an dem man bei dem Toten sein könnte, fehlt. „Wir Menschen brauchen jedoch einen festen Ort für unsere Trauer“, sagt Schnelzer. Langenmayr kann sich vorstellen, dass es hilft, einen individuellen Platz für das Gedenken zu wählen, an dem man sich besonders oft und gern getroffen hat.

Noch nicht einmal der Ort für den Gedenkgottesdienst ist in diesem Fall zwingend vorgegeben: Am Unglücksort kann er nicht stattfinden, eine gemeinsame Heimat haben die Passagiere nicht. Das war in Winnenden anders, wo die Trauernden sich kannten. Trotzdem findet Langenmayr eine gemeinsame Gedenkveranstaltung wichtig. „In dieser Situation, in der der Einzelne sich sehr allein fühlt, ist nichts tröstlicher als die Gruppenerfahrung.“ Wenn Trauernde nicht konkret Abschied nehmen konnten, versuchen Psychotherapeuten das zumindest ein wenig mit der gestalttherapeutischen „Methode des leeren Stuhls“ auszugleichen. Er steht stellvertretend für den Verstorbenen da, dem man nachträglich einige der ungesagten Dinge mitteilen kann.

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