Welt : Airbus-Unglück: Vom Helden zum Pannen-Piloten

Rainer W. During

Nach der Bruchlandung in Wien, bei der er eine Katastrophe haarscharf verhindern konnte, war Flugkapitän Wolfgang A. (55) noch als Held gefeiert worden. Nur 26 der 142 Passagiere des Hapag-Lloyd-Airbusses A310 waren am 12. Juli leicht verletzt worden. Doch schon damals gab es Zweifel an der Cockpit-Besatzung, der 20 Kilometer vor der geplanten Notlandung in 2500 Metern Flughöhe der Sprit ausgegangen war. Der gestern vorgelegte, vorläufige Untersuchungsbericht der österreichischen Flugunfalluntersuchungsstelle (FUS) bestätigt haarsträubende Pilotenfehler als Ursache für das Unglück.

Wie berichtet, hatte sich nach dem Start des Airbus in Kreta zum Flug nach Hannover das Fahrgestell nicht einfahren lassen. Trotz des Defektes und des daraus resultierenden, nahezu doppelten Treibstoffverbrauchs entschloss sich die Crew, nach Deutschland durchzufliegen und benannte zunächst München als Zielort. Später entschied man sich für das nähere Wien, doch im Landeanflug setzten beide Triebwerke aus. Im Segelflug setzte der Großraumjet 500 Meter vor der Piste auf einer Wiese auf. Das linke Fahrwerk brach ein, am Flugzeug entstand, wie inzwischen fest steht, Totalschaden. In den Tanks, so ergaben die Untersuchungen der FUS, waren noch 130 Kilogramm Kerosin. Das entspricht des Restmenge, die nicht mehr ausgeflogen werden kann.

Für den Notfall ungeeignet

Die Besatzung habe, wie im Normalfall üblich, ihre Treibstoffberechnungen ausschließlich mit Hilfe des Flight Management-Computers durchgeführt, heißt es in einer Erklärung der FUS und der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Dieses System ermittelt aber bei abnormen Konfigurationen wie dem Flug mit ausgefahrenem Fahrweg falsche Werte. In diesem Fall wäre es notwendig gewesen, die Reichweite manuell zu berechnen, hatte Hapag-Lloyd-Flugbetriebsleiter Friedrich Keppler bereits kurz nach dem Unfall erklärt. Es gehöre zum Handwerk der Piloten, den Spritverbrauch ständig zu überprüfen.

Im Airbus A310 stehen der Besatzung die Anzeigen über die Menge des vorhandenen und des verbrauchten Treibstoffs ständig zur Verfügung, so Georg Fongern, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. Die Tankanzeigen arbeiteten laut FUS einwandfrei. Dennoch wurde nach Angaben der Fluggesellschaft von den Piloten beim Unterschreiten der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestreserven keine Ausweichlandung auf einem nahen Flugplatz eingeleitet. Als sich der Urlauberjet in 7800 MeterHöhe rund 70 Kilometer querab von Zagreb befand, meldeten die automatischen Warnungen im Cockpit bei einer Restmenge von 1,3 Tonnen, dass die letzte Notreserve unterschritten wurde. Selbst da habe die Crew an ihrem Entschluss festgehalten, das noch 222 Kilometer entfernte Wien anzufliegen. Für Georg Fongern gibt es "keine logische Erklärung" dafür, dass die Besatzung "über zwei Stunden lang Fehler gemacht hat". Er spricht von einem klassischen Fall menschlichen Versagens. Hapag-Lloyd betonte gestern, zu keiner Zeit Anweisungen an die Besatzung gegeben zu haben. Ohnehin liege die letzte Entscheidung immer beim Flugkapitän, betonte der Sprecher der Vereinigung Cockpit. Bei Hapag-Lloyd erwartet man vom Abschlussbericht "keine grundlegenden neuen Erkenntnisse". Das Unternehmen äußerte sein Bedauern darüber, "dass es aufgrund dieser Vorgänge zu einer Notlandung in Wien gekommen ist und Passagiere dabei - wenn auch glücklicherweise nur leicht - verletzt wurden".

Der Staatsanwalt ermittelt

Bereits am Tag nach dem Unfall hatte Firmensprecher Wolfgang Hubert für die betroffenen Fluggäste "eine angemessene Kulanzregelung" angekündigt. Wolfgang A. - der auf 20 000 Flugstunden Erfahrung zurückblicken kann - und sein 30jähriger Co-Pilot müssen jetzt mit empfindlichen Konsequenzen rechnen. Ab Montag prüft eine Kommission des Luftfahrtbundesamtes den möglichen Entzug ihrer zur Zeit ruhenden Lizenzen. Die Wiener Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung.

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