Welt : Alarm in den Städten

An mehreren Schulen gab es am Dienstag Warnungen vor Gewalttaten – sie erwiesen sich als grundlos. Kölns Polizei steht unter Druck

Emsdetten/Köln - Der Jahrestag des Amoklaufs in Emsdetten ist von der Angst vor weiteren Gewalttaten überschattet worden. An mindestens vier weiteren Bildungseinrichtungen gab es Anzeichen für mögliche Bluttaten. Letztlich konnte die Polizei nach ersten Ermittlungen in Mainz, Kaarst, Göttingen und Syke Entwarnung geben. Der Alarm in den anderen Städten war zum Teil auf Trittbrettfahrer, zum Teil aber auch auf übertriebene Angst zurückzuführen. Auslöser für den Alarm in Kaarst war eine Warnung der finnischen Sicherheitsbehörden. In einem geschlossenen Internet-Chatbereich stießen sie auf ein Gespräch, in dem es vage Hinweise auf einen möglichen Amoklauf gab. Die Polizei sperrte die Schule daraufhin am Dienstagmorgen weiträumig ab. Der Unterricht für die 700 Schüler wurde ausgesetzt. Später wurde die Warnung aufgehoben, weil es keinerlei Anhaltspunkte für eine Gefahr gab.

In Emsdetten gedachten am Morgen Schüler und Lehrer sowie Angehörige mit einem ökumenischen Gottesdienst der Tat vor einem Jahr. Rund 720 Menschen fanden sich in der St. Pankratius-Kirche ein.

Die Kölner Polizei ist wegen des Amoklauf-Alarms vom Wochenende unter Druck geraten. Psychologen und Presse werfen ihr vor, sie habe den Selbstmord eines der Tatverdächtigen möglicherweise mitverschuldet. Der Kölner „Express“ schrieb: „Und warum haben sich die Beamten in einer Pressekonferenz selbst gefeiert, obwohl sie längst wussten, dass die beiden Jugendlichen ihre Pläne verworfen haben? Warum ließen sie die Schulministerin nach Köln vor Ort reisen, um dort ein Loblied auf die meisterliche Polizeiarbeit anzustimmen?“ Am Montag hatte die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass sich die beiden Schüler, die die Tat geplant haben sollen, zuletzt doch dagegen entschieden hatten. Der 18-Jährige wurde freigelassen. Der 17-jährige Tatverdächtige hatte am Freitag nach der Freilassung durch die Polizei Selbstmord begangen. Die Kölner Staatsanwaltschaft nahm die Polizei am Dienstag in Schutz. Als die Polizei am Freitag mit dem 17-Jährigen gesprochen habe, sei noch keine Selbstmordgefahr erkennbar gewesen.

Polizeisprecher Jürgen Laggies wollte sich nicht zu dem Vorwurf äußern, dass die Polizei vor ihrem Gespräch mit dem 17-Jährigen dessen Eltern hätte informieren müssen. Die ursprünglich für Montag geplante Pressekonferenz sei auf Sonntag vorverlegt worden, um Ängsten in der Bevölkerung zu begegnen. Der „großen Beunruhigung wegen eines befürchteten Amoklaufs am Georg- Büchner-Gymnasium musste unverzüglich in geeigneter Weise entgegengewirkt werden“, teilten die Behörden mit. „Deshalb bewertet die Staatsanwaltschaft die Pressekonferenz nicht als „Schnellschuss“.“ Polizeisprecher Laggies sagte: „Für uns war der Gedanke entscheidend: Es darf nicht sein, dass dort eine Gerüchteküche entsteht. Die Telefonkette lief, die E-Mail-Kette lief. Das ging in Windeseile durch die Schülerschaft. Es ging uns ausschließlich darum, darauf zu reagieren.“ Die Gerüchte kamen auf, weil der 17-Jährige Bilder des Massakers der Columbine High School ins Internet gestellt hatte. Außerdem hatten beide Schüler entsprechende Drohungen geäußert.

Am Dienstag wurde am Kölner Georg-Büchner-Gymnasium der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Nach Angaben der Schulleitung standen mehrere erfahrene Psychologen und Notfallseelsorger bereit, um mit den Schülern über die Ereignisse der vergangenen Tage zu sprechen.

Die zahlreich anwesenden Medienvertreter wurden gebeten, keinen Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen aufzunehmen. Viele von ihnen ließen sich von ihren Eltern zur Schule bringen, die weiterhin von Polizei und Ordnungsamt abgeriegelt ist. Lediglich Lehrer und Schüler durften das Areal betreten. Nach Angaben von „spiegel-online“ gab es am Georg-Büchner-Gymnasium für den Fall einer Amok-Situation einen regelrechten Notfallplan, der „probehalber einmal durchgeführt worden ist“. Der Vater eines Schülers wird mit den Worten zitiert: „Wenn über den Lautsprecher durchgesagt wurde: ,Die Kantine ist geschlossen', dann war das das Zeichen: Etwas ist im Busch. Dann sollten die Vorhänge zugezogen, die Türen abgeschlossen werden. Die Schüler sollten sich dann ruhig verhalten." dpa/ddp/AFP

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