Welt : Algerien will keine GSG9 in der Sahara

Staatsrundfunk: Geiseln werden bald freigelassen

Ralph Schulze[Algier]

Weitere deutsche Hilfe ist im Fall der 31 entführten europäischen Touristen in der Sahara zunächst nicht mehr erwünscht. Die algerische Regierung lehnte nach Angaben aus politischen Kreisen in Algier die angebotene Entsendung weiterer Sicherheitsexperten zur Lösung des Geiseldramas derzeit ab. Auch der von Deutschland offerierte Einsatz der Anti-Terror-Einheit GSG9, die auf Geiselbefreiung spezialisiert ist, sei zurückgewiesen worden. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte Mitte letzter Woche Algeriens Staatspräsident Bouteflika die Entsendung weiterer deutscher Spezialisten angeboten, um die bereits seit zehn Wochen andauernde Entführung möglichst schnell und ohne Blutvergießen zu beenden. Unter den Geiseln, die von arabisch-algerischen Extremisten festgehalten werden, befinden sich 15 Deutsche, zehn Österreicher, vier Schweizer, ein Niederländer und ein Schwede.

Warum diese Abfuhr?

Die Abfuhr an Deutschland wurde dem Tagesspiegel von Mitgliedern des algerischen Parlamentes bestätigt. Mohamed Guerrout, Präsident der parlamentarischen Tourismuskommission, die den Entführungsfall politisch aufzuarbeiten versucht, sagte, dass die nationalen Sicherheitsbehörden kein Interesse an einer verstärkten westlichen Intervention hätten. Es handele sich um eine „innere algerische Angelegenheit“. Seit einem Monat befinden sich elf Polizeiexperten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Hauptstadt Algier – allerdings nur zum „Informationsaustausch". Sie dürfen weder eigenständig ermitteln noch zum Ort der Geiselnahme, rund 1500 Kilometer südlich in der Sahara-Wüste, reisen.

Hängt die Absage Algiers damit zusammen, dass vielleicht eine Lösung schon in Sicht ist? „Die Urlauber werden bald in ihre Heimatländer zurückkehren", meldete am Montagnachmittag der algerische Staatsrundfunk. Und: „Die Geiseln werden bald freigelassen." In den letzten Tagen hatte die algerische Regierung nach Wochen der Hilflosigkeit, des Stillschweigens und des wachsenden internationalen Drucks überraschend den Eindruck vermittelt, dass sie plötzlich Herr der Lage geworden sei. Die Entführer seien samt Geiseln in einer Wüsten-Gebirgs-Region aufgespürt, hieß es, und dort vom Militär eingekreist worden. Tourismusminister Lakhdar Dorbani hatte im Parlament signalisiert, dass mit den Geiselnehmern „Kontakte zur Freilassung der Urlauber im Gange" seien.

Die Bundesregierung äußerte sich auch am Montag nicht zu den aus Algerien eintreffenden Informationen „aus Rücksicht auf das Schicksal der Betroffenen". In Österreich und der Schweiz blieben die Krisenstäbe ebenfalls bei ihrer bisherigen Zurückhaltung.

Verschwörung in Algeriens Führung?

Die Hintergründe der Geiselnahme sind weiter unklar. Eine algerische Exil-Gruppe desertierter Militärs beschuldigte den umtriebigen nationalen Geheimdienst, hinter der Verschleppungsaktion zu stecken, um die Demokratisierung Algeriens zu bremsen und die eigene Macht im Staat abzusichern. Der Geheimdienst wird zugleich von Menschenrechtsorganisationen für etliche Terrortaten und das spurlose Verschwinden von 7000 Oppositionellen verantwortlich gemacht. Auch die den Fall untersuchende Tourismuskommission Algeriens fragt sich, "ob die Sache eine Verschwörung ist, um Algeriens Tourismus und Wirtschaft zu schädigen".

Hintergrund dieser Angaben ist die Tatsache, dass es innerhalb der algerischen Führung Spannungen gibt. Während der Staatspräsident eine Demokratisierung sowie ein Zurückdrängen des Militärs befürwortet, haben Militär und Geheimdienst daran wenig Interesse. Ihr Interesse besteht im Gegenteil darin, dem Staatspräsidenten zu schaden und durch eine Destabilisierung den Demokratisierungsprozess zu behindern. Die Geiselnahme ist eine gute Gelegenheit, die das Militär nutzen kann, um seinen Machtanspruch aufrechtzuerhalten und zu demonstrieren.

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