Welt : Alice im Glamourland

Alice Schwarzer ist die Ikone des deutschen Feminismus – jetzt hat sie ihren Stil geändert

Elisabeth Binder

Für viele Frauen ist sie das größte Vorbild von allen. Denn Alice Schwarzer hat, obwohl sie Karriere bei allen Top-Magazinen des Landes hätte machen können, ihr Leben der „Emma“ und damit der Frage geweiht, wie man Frauen Türen öffnet, die scheinbar fest verschlossen sind. Und sie ist dabei geblieben, sogar in jenen Jahren, als der Feminismus völlig out war und junge Frauen sich dachten: Warum soll man sich mit biestigen Geschlechtsgenossinnen in irgendwelchen Frauengruppen treffen, wenn man doch genauso gut gleich mit den Kerlen kungeln kann. Sie war sich, obwohl schon längst eine Ikone, auch nicht zu schade, mit der damals kultigen Verona Feldbusch vor die Fernsehkameras zum viel diskutierten Duell der Gigantinnen zu treten, obwohl sie wissen musste, dass sie zu jenem Zeitpunkt nur verlieren konnte. Denn Verona toll zu finden, galt ja, gerade weil es so abgedreht war, damals als superhip.

Warm anziehen

Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Verona Feldbusch hat nach wie vor ihren Stammplatz in der Bildzeitung, ist aber aus den seriösen Blättern weitgehend verschwunden. Alice Schwarzer dagegen füllt die erste Seite des „Lebens“ der ehrwürdigen „Zeit“, tingelt in viel zu hochhackigen Schuhen durch die Talk-Shows, auch die semiseriösen, und macht sich selbst noch lustig darüber (über die Schuhe, nicht über die Talk-Shows). Und in den langen Berliner Fetennächten feiert sie ein glamouröses Comeback als Party-Queen.

Hier lässt sie sich bei einem Empfang der Medienmächtigen von hoch begabten jungen Männern umschwärmen (die sie als Tänzerin schätzen), dort tobt sie bei einer schicken Gala gleich mit dem fotogenen Regierenden Bürgermeister übers Parkett, dass die Haare nur so fliegen. Als sie Arm in Arm mit Klaus Wowereit über den Roten Teppich der Deutschen Oper schreitet, geraten die Foto-Instrumente so sehr in Ekstase, dass man auf den Society-Partys noch abendelang davon spricht. Die Kameras lieben das frühere Schreckgespenst der Macho-Männer neuerdings sehr. Die frankophile Publizistin ist dünner geworden und hat irgendwas mit ihren Haaren gemacht. Was genau es ist, darüber darf man bei einer so großen Feministin wohl keine Mutmaßungen anstellen. Denn der Feminismus lehrt die Frauen ja gerade, dass man seine Zeit nicht eitel beim Friseur vertrödeln, sondern solidarisch mit den Schwestern sein soll. Sie stylt sich natürlich nur, um ihr neues Buch über „Vorbilder und Idole" zu promoten. Damit teilt sie mit sehr vielen anderen Berliner Fetengängern den Hauptgrund, sich die Nächte bei Glamour-Events um die Ohren zu schlagen, statt zu Hause zu sitzen und solidarisch zu sein, was politisch wie feministisch natürlich viel korrekter wäre.

Aber Alice Schwarzer ist, auch wenn man das von der Ikone des deutschen Feminismus nicht glauben sollte, kein bisschen besser als all die eitlen Männer. Sie will verkaufen. Und redet mit diesem und jenem. Nicht nur mit den altgedienten Walküren, im Gegenteil. Mit Jasmin Tabatabai tuschelt sie bei einer Filmgala. Der junge deutsche Filmstern am internationalen Kinohimmel, Franka Potente, hat sich für sie zum Titelgirl von „Emma“ stylen lassen. Klar, dass sie mit Sabine Christiansen gut kann. Und als die Kameras sie in irgendeiner dieser Nächte an der Seite eines notorischen Verehrers von Sexbomben erwischen, den sie erst Sekunden zuvor überhaupt kennen gelernt hat, posiert sie geistesgegenwärtig mit ausgestreckter Hand: „Ich bin die Neue.“

Unnötig zu erwähnen, dass sie in der ZDF-Liste der besten Deutschen auf Platz 23 kam und damit deutlich vor Dieter Bohlen (30) und Boris Becker (35).

Wer glaubt, den Feminismus nicht mehr ernst nehmen zu müssen, weil er sowieso nur dogmatisch und also langweilig, verknöchert und also ungefährlich daherkommt, sollte sich besser auf die Piste begeben und ihre Spur verfolgen. Alice Schwarzer gibt sich nur nicht mehr mit Mittelmaß zufrieden. Oder mit der zweiten und dritten Garde. Mit Leuten wie Verona ist sie durch. Jetzt will sie mehr, auch wenn es Überwindung kostet.

Da ist es ihr nicht mal zu peinlich, bei einem besonders kamerareichen Medienevent als ihren Walker ausgerechnet den Chefredakteur der „Brigitte“ vorzustellen, jenem in Feministinnen-Kreisen hoch umstrittenen Zentralorgan der artigen Frauen, die Männern gefallen wollen und deshalb alle letzten Erkenntnisse über Mode, Frisuren und Diäten verschlingen. Das klingt schlimm, ist aber vielleicht auch ein Zeichen.

Könnte es sein, dass der Feminismus lange genug out war und nun vor einer Renaissance steht? Vielleicht sollten sich die Männer, die so lange den jungen Frauen das Gefühl gegeben haben, dass sie auch Karriere machen können (obwohl sie von der eigentlichen Macht in den seltensten Fällen was rausgerückt haben), schon mal warm anziehen. Das kann im Winter ja sowieso nie schaden.

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