Welt : Alle führen sie den Namen Singh

GABRIELE VENZKY

DELHI .Bauer Kirpal hat es zu etwas gebracht, wie so viele seiner Glaubensgenossen, immer nach dem Motto: Auf wem Gottes Auge wohlgefällig ruht, dem geht es gut.Ein Tor wäre er, wenn er seiner Umwelt nicht bewiese, daß das stimmt."Als nächstes verheiraten wir unsere Tochter.Das gibt ein ganz großes Fest", schwärmt er, "und dann kaufen wir uns ein Auto".Sikhs sind groß im Geldausgeben, und sie genießen das Leben.Draußen, vor dem Haus, lärmt geschäftig der Bazar.Vor fünf, sechs Jahren noch wäre hier um diese Zeit Totenstille gewesen.Tarn Taran galt als der gefährlichste Bezirk des Punjab, das Zentrum des Terrorismus.Da hieß es, um drei Uhr zu Hause zu sein und nicht vor neun wieder zum Vorschein zu kommen.Nun aber packt Kirpal Singh für die Abreise früh um fünf.

Nach Anandpur Sahib, die "Stadt der Glückseligkeit", reisen die Singhs, so wie drei Millionen andere Sikhs aus Indien und der ganzen Welt in dieser Woche.Denn in dem kleinen Kaff im Norden des Punjab hatte der letzte Guru der Sikhs, Gobind Singh, am 16.April 1699 die kämpferische Khalsa Panth, die "Gemeinschaft der Reinen" gegründet.Seitdem tragen alle Sikhs den Namen Singh ("der Löwe").Der letzte Guru war es, der vor dreihundert Jahren die lockere Gemeinschaft als "erwähltes Volk Gottes" zu einer eingeschworenen, kriegerischen Gemeinschaft gegen die Verfolgung der Sikhs zusammenschweißte.

Nur zwei Prozent der indischen Bevölkerung machen die Sikhs aus, 20 Millionen, aber sie haben ihren Staat, den Punjab zum drittreichsten in Indien gemacht, nach Delhi und Goa.Durch schiere Rackerei, so wie es der Guru befohlen hat.Wer es noch nicht zum Mittelstand gebracht hat, wie Kirpal Singh, oder sogar zum Millionär wie Avtar Singh, der sich längst vom Reis und Weizen seiner Vorfahren verabschiedet hat und ins weitaus lukrativere Blumengeschäft eingestiegen ist, der strampelt sich eben auf der Fahrradrikscha nach oben, so wie Mohan Singh, der es immerhin schon zu einem festen Haus gebracht hat und nun die eigentlich fälligen Dachreparatur herausschiebt, weil auch er mit Frau und Kind nach Anandpur Sahib will, zum 300jährigen Jubiläum.

Das kleine heilige Nest, das mit dem Zustrom von drei Millionen Gläubigen hoffnungslos überfordert ist, hat sich mächtig herausgeputzt für den Anlaß: Triumphbögen, Gedenkstätten, aber auch Einkaufszentren und ein Sportzentrum.200 Millionen Mark hat das alles gekostet.Selbstdarstellung der Regierung schimpft die Opposition, hätte man das viele Geld nicht sinnvoller ausgeben können? Man hätte durchaus.Denn nicht jedem geht es gut im Punjab, auch wenn in jedem zehnten Haus ein Kühlschrank und ein Motorroller zu Hause sind.Die "Grüne Revolution" hat die Böden ausgelaugt, die Wundererträge sind rückläufig, der Grundwasserspiegel sinkt um zehn Zentimeter im Jahr und die Infrastruktur ist so schlecht, daß sich die herbeigesehnten ausländischen Investoren doch lieber woanders niederlassen.Der Staat selbst gibt dem Punjab nur zwei Prozent seiner Investitionen.Angst vor der Nähe zu Pakistan? Angst vor einer neuen Terrorwelle?

Dabei war es gerade das wachsende Heer relativ gut ausgebildeter aber arbeitsloser Jugendlicher, das in den achtziger Jahren in Scharen zu den Terrorbanden Bhindranwales überlief.Dessen Mixtur von religiöser Erneuerung und Nationalismus, hatte eine unwiderstehliche Anziehungskraft.Zehntausende von Toten kostete der Aufstand: schwerbewaffnete Kämpfer, die sich im Goldenen Tempel verschanzt hatten, Indira Gandhi, die ihn 1984 stürmen ließ und die wenige Monate später aus Rache von ihrer eigenen Sikh-Leibwache ermordet wurde, die Pogrome gegen die Sikhs im ganzen Norden Indiens, die dann folgten.25 000 Verschwundene gibt es immer noch allein aus den Jahren 1993/94, als die Sicherheitskräfte ohne Rücksicht auf Recht und Demokratie die letzten Reste der Aufstandsbewegung niederwalzten.

Deshalb hatten die Sikhs eigentlich ihr höchtes Heiligtum, den Goldenen Tempel in Amritsar, so zerschossen wie er war, als Mahnmal stehen lassen wollen.Aber nun, zum Dreihundertjährigen, ist er in seiner ganzen Pracht wieder aufgebaut worden, strahlend weiß die Gebäude um den Heiligen See und Tonnen von Gold auf den Dächern.Fünf Jahre haben 4000 Kunsthandwerker hier gearbeitet, geholfen haben ihnen Zehntausende mit der für Sikhs obligatorischen freiwilligen Arbeit.

Doch obwohl sie alle mitgeholfen haben, den Goldenen Tempel in seinem alten Glanz wiedererstehen zu lassen, liegt ein Schatten über der Zukunft der Sikhs.Sie tun sich in dem großen Sog des Hinduismus und gegenüber den Versuchungen westlichen Lifestyles immer schwerer, ihre eigene Identität zu bewahren.Ihre ständig verzankten Politiker schaffen es außerdem nicht, neue Perspektiven und Arbeitsplätze für ein abermals wachsendes Heer gebildeter jugendlicher Arbeitsloser zu schaffen."300 Jahre lang hat Gottes auserwähltes Volk seinem Namen alle Ehre gemacht", sagt Kushwant Singh, Indiens bekanntester Sikh-Autor."Aber ich bin nicht sicher, ob das so bleibt."

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