Welt : Alle reden vom Wetter

Die Bahn auch: Zehntausende warten in ganz Deutschland an Gleisen und in Zügen auf das Ende des Sturms. Und die Mitarbeiter halten den Ärger in Grenzen

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Die einen bleiben ruhig, bei anderen überschlägt sich die Stimme. „Wie komme ich morgen zur Arbeit?“, fragt ein junger Mann im Kölner Hauptbahnhof den Service-Mitarbeiter der Bahn. „Wie soll ich Ihnen diese Frage beantworten?“ Der Bahn-Mitarbeiter bleibt ganz ruhig. „Dort drüben am Schalter bekommen Sie Taxi- und Hotelgutscheine.“

An diesem Schalter hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Hotelgutscheine werden nicht viel helfen, das spricht sich ganz schnell rum. Köln ist ausgebucht. Die Gestrandeten telefonieren mit Freunden und Bekannten, ob sie Freunde und Bekannte in Köln haben, um dort zu übernachten. Um 19 Uhr haben alle noch Hoffnung. Aber die Ersten fangen an, sich Sitzgelegenheiten zu sichern, für alle Fälle. Falls sie hier die Nacht verbringen müssen. Gegen 20 Uhr öffnet die Bahn vier Züge für Leute, die keine Bleibe haben. Sie können in den Waggons schlafen. Mitarbeiter der Bahn überwachen die Szene. Die Menschen machen es sich bequem. Sie ziehen ihre Schuhe aus, im ganzen Zug breitet sich ein gleichförmiger Geruch aus, eben so, wie wenn zahlreiche Menschen ihre Schuhe ausziehen. Aber hier, in dieser nächtlichen Notgemeinschaft, hat der Stallgeruch etwas Anheimelndes, er wärmt die Seele. Isabella Duda aus Mönchengladbach hält wie viele andere einen Zettel mit ihrem Zielort hoch. Nach Möchengladbach will die 27-Jährige. Als ein Glücklicher seinen Taxigutschein hochhält und „Mönchengladbach“ ruft, ist sie sofort zur Stelle. „Ich wünsche Euch noch eine gute Nacht“, ruft sie gut gelaunt der zurückbleibenden Masse zu.

Hans-Joachim Delfs ist mit zwei Freunden gestrandet. Das erste, was sie machen: Sie kaufen sich im Bahnhof ein Skatspiel, Rotwein und Käse. „Der Service ist toll hier“, sagt Delfs gut gelaunt. Die Runde feiert ihre kleine private Skatparty und ist wild entschossen, die ganze Nacht durchzumachen.

Wer in Düsseldorf schnell genug aus seinem Zug spurtete, hatte die Chance auf ein Taxi, aber die meisten gingen leer aus. Die Lautsprecher hatten wenig tröstliche Nachrichten: „Wir bitten um Verständnis, dass wir Ihnen angesichts dieser Wetterlage den Zugverkehr für Ihre Sicherheit einstellen müssen.“ Obwohl sich das Personal alle Mühe gab, gelang es kaum, die vielen Anfragen der nunmehr gestrandeten Fahrgäste zu beantworten. „Hier hat sich niemand um uns gekümmert", polterte ein Mann los, aber viel half es nicht, und so richtig Recht hatte er auch nicht.

Endstation Dortmund. Für viele Reisende endet die Zugfahrt am Donnerstagabend unfreiwillig und vorzeitig auf dem Bahnhof in der Mitte Nordrhein-Westfalens. Dieses Bundesland scheint mit am meisten von den Behinderungen betroffen zu sein. Ab 17 Uhr verlässt kein Zug mehr den Dortmunder Bahnhof. Manche Züge haben es nicht einmal dorthin geschafft und so wurden Reisende von Regionalbahnhöfen mit Bussen nach Dortmund gebracht. „Wir sind eine Stunde mit dem Bus hierhergefahren worden, nachdem unser Zug schon 45 Minuten lang auf der Strecke stand, weil ein Baum umgekippt war“, erzählt die 19 Jahre alte Jasmin Bohnenstengel, die mit ihrer Freundin Tamara Gundlach von Kiel aus nach Koblenz unterwegs ist, wo die beiden an einem Blockseminar ihrer Berufsschule teilgenommen haben. Jetzt stehen sie mit rund 150 weiteren gestrandeten Reisenden im vorderen Teil des Dortmunder Bahnhofes. „Und was nun?“, fragt Tamara, die sich auf einem ihrer zwei großen Koffer niederlässt.

Vor dem Infopoint der Deutschen Bahn hat sich eine lange Schlange gebildet. Doch mehr als die Fahrkarten bis morgen verlängern können die Mitarbeiter nicht. Taxi- oder Hotelgutscheine gibt es vorerst nicht und auch keine Information, wann die Züge wieder fahren. „Im schlimmsten Fall geht hier die ganze Nacht nichts mehr“, sagt ein Servicemitarbeiter der Bahn im Vorbeigehen. In der Hand hat er rot-weißes Absperrband, eine Oberleitung ist zusammengebrochen und er muss das Gleis absperren. „Noch sind die Menschen zum Glück einigermaßen geduldig“, sagt er. „In Bahnhofsnähe ist alles ausgebucht“, weiß der 58 Jahre Dieter Ulf, der auf dem Weg nach Koblenz ist. Zusammen mit seinen Freunden wird er mit dem Taxi ein Hotel außerhalb suchen.

In der Bahnhofsbäckerei wartet derweil Verkäuferin Marianne Kaufmann darauf, dass ihre Chefin ihr per Telefon mitteilt, wie lange sie den Laden noch geöffnet lassen soll. „Vielleicht machen wir Überstunden. Die Leute müssen ja versorgt werden.“

Ein anderer Reisender lässt die Hoffnung bald fahren. Er sitzt auf offener Strecke fest. Von Frankfurt am Main wollte er wie jeden Abend zurück nach Hause fahren. Zu Hause, das ist in Gießen. Im Zug gibt es keine Durchsage, die Hoffnung machen könnte. Ein Baum liegt über den Gleisen. Was den Reisenden etwas erbittert: Plötzlich überholt ein anderer Zug auf dem Nebengleis. Da liegt kein Baum im Weg. Die Welt scheint ungerecht. Aber als der Zugverkehr der ganzen Republik schon eingestellt war, entscheidet der Fahrdienstleiter, zum letzten Bahnhof zurückzufahren, von dort das Gleis zu wechseln und eigenmächtig weiterzufahren. Es gibt wohl doch noch Eigeninitiative in dem Großdampfer Deutsche Bahn AG.

Es ist nicht die Schuld der Bahn, wenn ein Monstersturm den Verkehr lahmlegt. Ganz offensichtlich ist das Bahnpersonal ausgesprochen bemüht und ruhig. „Alle Bahner sind an Deck“, sagte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn am Abend vor Journalisten in Berlin.

In München heißt es am Abend wie fast überall in der Republik: Nichts fährt mehr. Nicht der Regionalexpress nach Donauwörth, auch nicht der ICE nach Dortmund auf dem Nachbargleis. In München gibt es keine Hotelgutscheine. Viele stehen trotzdem an, um ihre Fahrkarten zurückzugeben, Fragen zu stellen und dafür unbefriedrigende Antworten zu bekommen. „Es tut mir sehr leid, ich kann Ihnen wirklich nicht viel sagen“, versucht eine Frau vom Service mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht einen erregten Mann zu besänftigen.

Die meisten Fahrgäste bleiben allerdings gelassen. Auch wenn ihnen Bahnangestellte wie Wolfgang Wührer kaum weiterhelfen können. Um den Zug-Chef hat sich eine Menschentraube gebildet, für jede seiner Antworten kommen zwei neue Fragesteller dazu. Wührer rät den Leuten zu einem Weißbier. „Sobald wir einen Zug und eine Strecke haben, fahren wir auch wieder“, sagt er zu einem älterern Herren. Wann das denn wohl sei? Wührer hebt hilflos die Hände. „Ich bin nicht der liebe Gott.“ Eigentlich hätte er längst Feierabend, sagt Wührer, „seit 13 Uhr 39. Aber die Fahrgäste können ja auch nichts dafür.“

Fast jeder in der Bahnhofshalle hantiert hektisch mit einem Handy. Susanne Leson versucht, einen Geschäftspartner zu erreichen, der ihr ein Dach für die Nacht besorgen soll. Die Innenarchitektin war auf einer Messe in München und muss nach Frankfurt, der nächste Termin am Vormittag ruft. „Ich hoffe, dass morgen um 6 Uhr früh wieder etwas fährt“, sagt sie, „es bleibt spannend.“

Eine siebte Klasse des Hamburger Johanneum-Gymnasiums ist nach ihrer Ski-Klassenfahrt in Österreich auf Bahnsteig 21 hängengeblieben. Die Schüler lümmeln auf ihren Koffern herum und fotografieren sich aus Langeweile gegenseitig. Einer hat seinen frischen Gips auf einem Berg aus Taschen abgelegt. „Wir wissen noch gar nicht, wo wir schlafen sollen“, sagte eine Betreuerin, „die Lehrer sind unterwegs, um irgendwas zu organisieren.“

„Wir kochen fleißig Kaffe und Tee, und zur Not gibt es auch belegte Brötchen,“ sagte fröhlich Michael Endress von der Bahnhofsmission in Frankfurt am Main. „Mehr können wir ja nicht tun. Wir schauen frohen Mutes in die Nacht“. Fünf Mitarbeiter betreuten gestrandete Reisende – ihre 60 Ehrenamtlichen hatten sie gar nicht alarmiert. Die drei Schlafplätze waren um die Zeit schon an Mütter mit Kindern vergeben, für die anderen blieben 50 Sitzplätze. Und ein paar nette Worte. Fast jede Nacht ist es dort voll. „Zwischen eins und fünf fahren ja praktisch immer keine Züge. Viele, die am Flughafen Hahn nachts landen, sitzen dann bis sechs bei uns“, erzählt Endress sichtlich entspannt. Entspannt ist auch ein Reisender auf dem Weg von Berlin nach Hamburg. Der Zug schafft es bis Löwenburg. Dort steht er im Bahnhof und die Fahrgäste harren der dinge, die da kommen werden. Sie sind gutgelaunt. Das Bordbistro hat genug kühles Bier gelagert und Nürnberger Würstchen gibt es auch. Mit Kartoffelsalat. Was will der Mensch mehr.

Unter Mitarbeit von Mareike Aden, Nils Sorge, Lars Spannagel, Jürgen Zurheide, Ingrid Müller, Bernd Hops, Frank Jansen, Helmut Schümann, Rolf Obertreis, Andreas Oswald

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