Welt : Alles Gefühlssache

Wie sinnlich darf man sein, ohne kitschig zu wirken? Die Kölner Band Klee macht vor, wie es gehen kann

Sebastian Leber

Den Strand hat sie schon länger nicht gesehen. Der muss jetzt erst einmal warten. Und auf grüne Wiesen blickt Suzie Kerstgens nur noch durch Fensterscheiben. Wenn sie wieder im Zug sitzt auf dem Weg in die nächste Stadt, zum nächsten Interview. Zwischendurch steht die Kölnerin mit ihrer Band auf der Bühne. Da kann sie dann immerhin von Stränden und Wiesen singen.

Die Band heißt Klee. Wie die Pflanze, aber auch wie der Maler. „Passt beides“, sagt Kerstgens. Seit zwei Wochen ist ihr neues Album „Zwischen Himmel und Erde“ auf dem Markt. Und der Rummel ist groß. Dabei könnte man beim ersten Anblick der Band das Gähnen kriegen: vier Männer an den Pop-Standardinstrumenten Gitarre, Schlagzeug, Bass und Keyboard, eine gut aussehende Frau am Mikrofon – die Kombination kennt man inzwischen. Außerdem spielen sie Popsongs mit deutschen Texten: Nicht schon wieder so eine Band, könnte man denken. Ist da überhaupt noch Platz zwischen Juli, Silbermond und Wir sind Helden?

Erstens: Kerstgens und ihre Kollegen machen seit zehn Jahren zusammen Musik. Die sind auf keinen Zug aufgesprungen. Zweitens: Die Kölner spielen Pop im allerbesten Sinn. Schreiben Refrains, die einen nicht loslassen. Die Faustregel lautet: Wer einen Song von Klee dreimal hört, schleppt ihn für Stunden mit sich herum. Und erfreut sich an Zeilen, die auf Papier geschrieben – und nüchtern betrachtet – eigentlich ziemlich peinlich wirken. Von Liebe und Zärtlichkeit und Sehnsucht ist da die Rede. Zum Beispiel: „Wir können die Zeit zurückdrehen, von hier zu jedem Kuss davor.“ Oder: „Ich vermiss Dich wie der Mond den Sonnenschein.“ Und ständig Naturbilder: Berggipfel, Meeresklippen, Gräser, wilde Rosenhecken. Die Hamburger Intellektuellen-Popband Blumfeld hat auf ihrer neuen Platte auch solche Texte, aber da kann man wenigstens auf gut versteckte Metaebenen hoffen.

Trotzdem schämt man sich nicht beim Hinhören. Man genießt es. Vielleicht deshalb, weil sich Suzie Kerstgens ebenfalls nicht schämt. „Ich bin halt so. Die Musik ist ehrlich, schauspielern können andere.“ Was lässt sich da dagegenhalten? Klee ist wie eine Sommernacht ohne Stechmücken, hat mal jemand gesagt. Man könnte auch meinen: Klee ist wie Eisessen, ohne dass man sich die Hände verschmiert. Ist das nicht furchtbar langweilig? Nein, das ist mitreißend. Und es verkauft sich gut: „Zwischen Himmel und Erde“ ist gerade in die Top 20 der deutschen Charts eingestiegen.

Ihren ersten Karriereschub verdanken die Kölner ausgerechnet Stefan Raab und dem Saarland. Im Februar vergangenen Jahres traten Klee bei Raabs „Bundesvision Song Contest“ auf, der inoffiziellen, deutschen Version des Grand Prix: Jedes Bundesland schickt eine Band ins Rennen, die Zuschauer stimmen ab. Klees Heimatland Nordrhein-Westfalen war schon vergeben. „Nur das Saarland war noch frei, da hatten sie wohl niemanden gefunden.“ Also wurde Klee angefragt – und gebeten, sich eine Geschichte auszudenken. Irgendeinen biografischen Bezug zum Bundesland. Klee lehnten ab: In den Liedern ehrlich sein und auf der Bühne lügen, das passe nicht zusammen. Stattdessen brachten sie eine wahre, aber lausige Begründung mit: „Unser Bassist hat eine Bekannte, die war mal für ein Praktikum dort.“ Und bei einem Sieg von Klee hätte sich Kerstgens das Wort „Saarland“ quer über den Bauch tätowiert. Das blieb ihr erspart – die Kollegen von Juli gewannen mit ihrem Hit „Geile Zeit“. Aber egal: „Dreieinhalb Minuten der Show haben uns gehört“, sagt Kerstgens. Und endlich hatten sie vor einem Millionenpublikum gespielt.

Das wurde auch Zeit. Die ersten Jahre hat die Band unter einem anderen Namen gespielt: „Ralley“. Auf dem Rückweg von einem Videodreh in Belgien überschlug sich ihr Wagen bei einem schweren Unfall. Zwei Bandmitglieder mussten ins Krankenhaus. Danach war ein neuer Name fällig.

Der zweite Rückschlag für die Band: Die Beziehung zwischen Kerstgens und dem Keyboarder ging in die Brüche. Es war gar nicht leicht, trotzdem weiter Musik zu machen – „zumindest, wenn es Kleemusik ist“, sagt Kerstgens. Die Texte fürs nächste Album handelten trotzdem wieder von der Liebe. Wenn sie mit ihrer Musik eine Botschaft vermitteln wolle, dann sei es vielleicht diese: „Mehr Mut zur Weichheit!“ Aber missionieren wolle sie niemanden, da müsse man schon selbst drauf kommen.

Einfach nur locker und leicht sind die Konzerte der Band trotzdem nicht: Ernst und Offenheit, mit der Kerstgens die Songs ankündigt, wirken durchaus irritierend. Manche finden das „bizarr“.

Geht es um die Musik, kann die Truppe sich auch fetzen. Man solle bloß nicht denken, die Band bestehe aus „harmoniesüchtigen Hippies und Friedenstauben“, sagt Kerstgens. Und Wut sei ja schließlich auch ein Gefühl.

Die Kollegen finden nicht alles gut, was Kerstgens schreibt. Zum Beispiel die Zeilen auf ihrem neuen Album: „Am Ende der Liebe bleibt ein leises Hoffen. Und die drei Worte sind fest im Herz verschlossen.“ Das gehe nun wirklich nicht, meinten die Männer. Entweder Ende oder Hoffen. Klar geht beides, fand die Sängerin und blieb stur.

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