Welt : Alles hat eine Geschichte

Ein Journalist weigerte sich, Senait Meharis Buch über ihre Story als Kindersoldatin zu schreiben – weil sie ihm keine Zeugen nannte

Christian Schröder

Ist sie eine Geschichtenerzählerin, die es mit der Wahrheit nicht immer genau nimmt? Das Opfer einer Medienkampagne? Eine Lügnerin? Der Streit um die Autobiografie der Sängerin Senait Mehari geht in eine neue Runde. Sie hatte in ihrem Buch „Feuerherz“, einem Bestseller mit 400 000 verkauften Exemplaren, ihre Kindheit in einem Lager der Rebellenorganisation Eritrean Liberation Front (ELF) beschrieben. Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ überprüfte die Schilderungen und warf der Autorin Betrug vor. Mehari konterte in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“: „Natürlich war ich eine Kindersoldatin“ und kündigte eine Klage gegen den NDR an. „Zapp“ bekräftigte seine Vorwürfe und ließ in seiner letzten Ausgabe am Mittwoch wieder Zeitzeugen zu Wort kommen, darunter die schwedische Fotografin Christina Björk, die im eritreischen Unabhängigkeitskrieg Kinderlager der ELF besucht hatte und heute sagt: „Im Camp habe ich nie Waffen gesehen.“

Senait Mehari wurde vermutlich 1974 im heutigen Eritrea geboren, ihre Mutter setzte sie als Findelkind aus. Mit acht Jahren gelang ihr die Flucht in den Sudan, 1987 kam sie nach Deutschland. Bekannt wurde Mehari, als sie 2003 als Kandidatin der „Tageszeitung“ (taz) beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest den vierten Platz belegte. Danach wurde der taz-Redakteur Jan Feddersen von einer Literaturagentin gebeten, gemeinsam mit der Sängerin ihr Leben aufzuschreiben. „Die wollten ein verheultes Afrikadrama fürs große Publikum, aufgemotzt mit knalligen Kindersoldatenbildern“, sagt Feddersen im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Um ihre Erzählungen gegenchecken zu können, bat er Mehari um den Kontakt zu Gewährsleuten. Weil sie dies verweigerte, zog er sich aus dem Projekt zurück. „Give the people what they want, genau das hat sie getan“, sagt Feddersen. „Mehari hat das Kindersoldaten- Caritas-Gemälde von Afrika geliefert, das die Boulevardpresse und der Verlag von ihr haben wollten.“

Geschrieben wurden „Feuerherz“ und der Nachfolgeband „Wüstenlied“ (Droemer Knaur Verlag) dann nicht von Jan Feddersen, sondern von dem österreichischen Journalisten Lukas Lessing. Er nahm Interviews mit Mehari auf Tonband auf und fuhr mit ihr nach Eritrea, um die Orte ihrer Kindheit zu finden. In der „Frankfurter Rundschau“ gestand er jetzt: „Dass Fehler vorliegen und Zusammenhänge falsch dargestellt sind, ist durchaus möglich“. Es sei ihnen nicht gelungen, „Gefährten von damals“ zu treffen.

In „Feuerherz“ finden sich apokalyptische Visionen, Szenen, die wie aus einem Kriegsfilm entnommen wirken: „Wir sprangen von der Ladefläche. Kaum hatten wir uns in die Büsche geschlagen und zwischen die Bäume geduckt, schon ging es los: Schüsse waren zu hören, und sie kamen näher und näher. Noch nie hatte ich den Feind so nah gesehen. Die anderen rissen ihre Waffen hoch und begannen zu schießen. Ich hatte schreckliche Angst, dass ich sterbe oder verbrenne.“ Im Gespräch mit „Zapp“ sagte Mehari, sie sei nicht unbedingt eine Kindersoldatin gewesen, aber ein „Kind des Krieges“.

Der Verlag steht hinter Senait Mehari. „Wir haben keinen Grund, an der Darstellung unserer Autorin zu zweifeln“, verkündet eine Sprecherin. Solidarität erhält sie auch von den Hilfswerken Terre des Hommes, Kindernothilfe und Aktion Weißes Friedensband, als deren prominente Unterstützerin sie aufgetreten war. Im Juli sollen, das gilt weiterhin als definitiv, in Kenia die Dreharbeiten zu einer Verfilmung von „Feuerherz“ beginnen. Regie führt Luigi Falorni („Das weinende Kamel“). Produzent Andreas Bereiss ist Fachmann für den Schwarzen Kontinent: Sein Film „Nirgendwo in Afrika“ wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

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