Welt : Ally McBeal: Frauenfreund und Männerfeind

Joachim Huber

Die Zeiten für Frauen in Deutschland werden nochmals härter. Nicht gleich morgen, doch spätestens Mitte 2003. Dann wird die fünfte und damit letzte Staffel von "Ally McBeal" bei Vox gelaufen sein, sagt Programmdirektorin Ladya van Eeden. Seitdem die US-Serie gezeigt wird, hat der "McBealismus" immer weitere Kreise gezogen. Die Marktanteile kletterten bei Vox, anders als beim US-Sender Fox, von Staffel zu Staffel und liegen mittlerweile bei 9,1 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Ein Ersatz muss her, "wir müssen etwas Neues finden", sagt van Eeden. Denn das kreierte Publikum - Single-Frau, Anfang 20 bis Ende 30, erfolgreich im Beruf - ist eine Zielgruppe, nach der sich die Werbewirtschaft die Finger leckt.

"Ally McBeal" hat Nachahmung gefunden. Zum Beispiel die US-Serie "Sex and the City" (in Deutschland bei Pro 7), eine Vervierfachung und Vierteilung der Frauenfigur in vier Frauen hinein. Was Ally in Boston sagt, lebt und erleidet, "Ich bin normal, mein Leben ist es nicht", das passt auch zu Carrie, Miranda, Charlotte und Samantha in New York. Natürlich verteilen sich über vier Protagonistinnen die Identifikationsmöglichkeiten der Zuschauerinnen variantenreicher als bei einer Hauptfigur. Ally McBeal glaubt nach wie vor an "Mr. Right", an den Prinzen, der gleich durch die Tür ihrer Anwaltskanzlei tritt. Anders Samantha Jones, die mit Eisen in der Stimme ihren Freundinnen rät: "Du musst Sex haben wie ein Mann - ohne Gefühl." So frauenfreundlich "Ally McBeal" ist, so latent männerfeindlich ist "Sex and the City". Trotzdem bleibt eine vergleichbare Zielgruppe. Pro 7 hat Recht, wenn der Sender "Sex and the City" am Dienstag ausstrahlt, kurz bevor Vox "Ally McBeal" startet. Die Erfindung eines Fernsehabends für Frau, Single, sucht ... mit dem Format "Dramedy" (aus Comedy und Drama) ist geglückt. Zwei Staffeln von "Sex and the City" sind gelaufen, "mit großem Erfolg", sagt Christine Hebeiss von Pro 7, "mit bis zu 17 Prozent Marktanteil". Neue Folgen sollen von Herbst an ausgestrahlt werden.

Eine Anwältin in Chicago, vier Frauen in New York - und keine einzige Fernseh-Schwester in Deutschland? Nicht, dass es nicht versucht worden ist. Mitte März testete Pro 7 die Serie "Alicia" mit einer Doppelfolge. Dabei blieb es, weil der Zuschauererfolg ausblieb. Edda Sonnemann, Redaktionsleiterin Deutsche Serien und Reihen beim Münchner Privatsender, will den direkten Vergleich nicht gelten lassen, gesteht aber zu, dass mit der weiblichen Detektivfigur die genannte Zielgruppe angesteuert worden sei. Wie bei den US-Serien hätten bei "Alicia" das Innenleben und die Wünsche und die Träume der Protagonistin im Vordergrund gestanden. Vielleicht das alte Drama zwischen Kopie und Original.

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