Alpinismus : Das Gesetz des Berges

Ein Drama ist beendet, da kommt die nächste Katastrophenmeldung. Die Südtiroler am Nanga Parbat sind gerettet – am Montblanc sind vier Holländer abgestürzt.

Paul Kreiner
NANGA PARBAT
Der Unglücksberg: Nanga Parbat -Foto: dpa

RomAuf diesen Anruf hatten alle gewartet, elf bange Tage lang. Gestern gegen neun Uhr pakistanischer Zeit traf er im Basislager des Nanga Parbat ein. „Wir sind mit den Skiern knapp tausend Meter abgefahren, auf ein sicheres Plateau. Wir sind außer Gefahr“, melden Walter Nones und Simon Kehrer. Kurz darauf steigt ein Militärhubschrauber auf, um die beiden zu holen. Der Rest ist eine Sache von wenigen Minuten.

„Gut geht’s uns, gut geht’s uns“, ruft der 36-jährige Trentiner Nones über das Satellitentelefon. Ein Hubschraubereinsatz war in den Tagen zuvor nicht möglich – wegen des Wetters und der Höhe. Noch bis Donnerstagmorgen hatten Nones und Kehrer auf über 6600 Metern festgesessen.

Aber noch während sich Italien, das am Schicksal der Himalaja-Expedition regen Anteil genommen hat, über den Ausgang freut, kommt vom Montblanc die nächste Katastrophenmeldung. Am höchsten Berg Europas (4807 Meter) sind vier Holländer abgestürzt. Ein Vater, drei Söhne zwischen 14 und 18 Jahren starben bei einem Sturz in einen Gletscherabbruch, nur die Mutter überlebte.

Am späten Donnerstag wurden Walter Nones und Simon Kehrer vom Basislager per Videokonferenz nach Bergamo geschaltet. Hohlwangig und müde erzählt Nones: Wie Expeditionsleiter Karl Unterkircher am vergangenen Mittwoch langsam die nie zuvor bestiegene Rakhiot-Eiswand vorausging, wie er im Schnee einsank – und verschwand, fünfzehn Meter tief. „Simon ist hinunter zu ihm, hat mit den Händen gegraben, hat Karl im Schnee auch sofort gefunden. Aber er hat schon nicht mehr gelebt.“ Der 29-jährige Kehrer kann kaum mehr sprechen. Nach seinen Gefühlen gefragt, sagt er stockend: „Es war ein Schock, diesen Freund, einen großen Bergsteiger genau vor uns verschwinden zu sehen.“ In seinem Südtiroler Dialekt fügt er am Ende an: „’S tuat ma narrisch leid für alles, was passiert ischt; es tuat ma narrisch leid.“

Zum Gedenken an den 38-jährigen Südtiroler Karl Unterkircher hat die Mannschaft des Basislagers eine kleine Metallplatte aufgestellt, unter dem Kreuz, das an den Erstbesteiger des Nanga Parbat, Hermann Buhl (1954), erinnert. Für eine Gedenkzeremonie, wie Nones und Kehrer sie nach ihrer Rettung gewollt haben, reicht die Zeit nicht. Beide wurden sofort in ein Hotel gebracht, wo sie sich von ihren Strapazen erholen sollen. Unterkirchers Leiche bleibt am Nanga Parbat. Eine Bergung „wäre zu gefährlich“, teilt die Rettungsleitstelle mit.

Unterkircher, Nones und Kehrer waren vor über einem Monat am Nanga Parbat angekommen. Zuvor hatte ihnen China den Zugang zum Gasherbrum vor den Olympischen Spielen „aus Sicherheitsgründen“ verweigert. Zum Nanga Parbat in den pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs aber war der Weg frei. Doch offenbar war ihnen nicht so wohl bei der Sache. Unterkircher schrieb am Sonntag vergangener Woche kurz vor dem Aufbruch in seinem Blog, die Rakhiot-Eiswand, „diese 3000 Meter hoch aufragende, steile Teufelswand“ lasse ihn nicht ihn Ruhe: „Sie macht mich unschlüssig und skeptisch. Angst und Kopfzerbrechen bereiten mir die Eisklumpen, die sich ständig von der zerklüfteten Wand lösen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Eiswand genau während unseres Hochsteigens loslöst, ist zwar minimal. Es ist kein russisches Roulette. Aber ausschließen kann man es nie.“

Dem pakistanischen Militär hatte die Expedition vor dem Aufbruch eine Kaution von 4000 Euro hinterlegen müssen, für den Fall, dass sie eine Rettung per Hubschrauber benötigen würde. Den Rest der zu erwartenden Kosten bezahlen Versicherungen, wie bei jeder derartigen Unternehmung. So teilte es jetzt jedenfalls das italienische Außenministerium mit.

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