Welt : Als der Anwalt herbeieilte, war schon alles zu spät

Was am 1. Oktober im Polizeikommissariat 12 geschah und wie die Lebenslüge des Täters mit einer Katastrophe endete

Jürgen Schreiber

Auf dem Weg zu seinem Mandanten hat Rechtsanwalt Ulrich Endres keinen Blick für die Steckbriefe links und rechts, die dem Frankfurter Polizeipräsidium immer eine nicht geheure Atmosphäre geben. Im dritten Stock sitzt der schwer Beschuldigte Magnus G., von dem er nicht mehr weiß, als dass ihn dessen Eltern kurz nach Sieben dieses 1. Oktober 2002 mit der Vertretung ihres Sohnes beauftragten. Am Tag zuvor war der Jura-Student als mutmaßlicher Entführer Jakob von Metzlers beim Flughafen-Terminal festgenommen worden.

Endres kommt um 14.30 Uhr, es ist schon alles zu spät. Gegen 8 Uhr 25 bereits hatte G. sein Leugnen aufgegeben, und, ohne anwaltlichen Beistand abzuwarten, eingeräumt, der elf Jahre alte Bub sei tot. Danach führte er die Fahnder in der Gemarkung Rebsdorf zum Versteck der Leiche. Als hätte die gräßliche Tat das auch noch gebraucht, liegt sie im Gebiet „Schauerwald". Dort am einsamen Weiher hatte G. noch am Entführungstag, 27. September, den von ihm erstickten Schüler Jakob unter einem Steg im Wasser abgelegt. Die Kripo zieht den halb Entkleideten aus dem See. Er trägt weiße Boxershorts der Marke Tommy Hilfinger und es gehört zu den vielen Rätseln des potentiellen Mörders, warum er später dem psychiatrischen Gutachter in Sportkluft eben dieses Herstellers gegenübersitzt. Sein Opfer hatte er in schwarzes Bettlaken und Plastikhüllen eingeschlagen. Der Reizstromtest des Gerichtsmediziners erbringt keine Reaktion.

Diese Details kennt der Jurist nicht, als er G. sieht. Beim Telefonat mit Magnus’ Mutter hatte Endres noch die Hoffnung, Jakob könne gerettet werden. Er bat deshalb um Unterbrechung einer Verhandlung am Landgericht, in der er einen Räuber verteidigte. Die Sitzung endet um 11 Uhr, deshalb ist G. in der entscheidenden Stunde ohne anwaltliche Beratung. Endres erfährt dann von der Polizei, G. sei geständig und mit Beamten im Gelände bei der Leiche. Nachdem sich die Dramatik durch das Auffinden Jakobs weiter verschärft, verkündet der Verteidiger, man mache vorerst keine weiteren Angaben.

Am Morgen des 1. Oktober, ein Dienstag, hatten es die Fahnder mit einem zermürbten Tatverdächtigten zu tun. Zuerst erzählt er Märchen, beschuldigt Unbeteiligte und zeigt sich als der Großspurige, dem sein aufwändiges Leben zum Verhängnis werden sollte.

Seit Sonntagabend wusste die Kripo, mit wem sie es zu tun hat. Zu der von G. an den Stadtwald verlegten Lösegeld-Übergabe fuhr er mit dem eigenen Honda vor. Das ursprünglich für die Fahrt vorgesehene Fahrrad hatte einen Platten, wird erzählt. An Hand des Nummernschildes war G. blitzschnell identifiziert. Er griff die Aldi-Tüten mit einer Million Euro Lösegeld, beim Durchsehen konnte der Entführer schon ahnen, dass er in der selbstgezimmerten Falle saß. Statt gebrauchter Scheine hatte die Polizei neue, numerierte eingepackt. Zudem sah G. bei der Ankunft verdächtige Gestalten, die er als getarnte Polizisten identifiziert. Er wusste also, die von ihm diktierten Bedingungen waren nicht befolgt worden. Er wusste ferner, welch schändliches Spiel er mit Jakobs Eltern getrieben hatte, denen sein Erpresserbrief suggerierte, für Geld garantiere er Jakobs Leben, während er ihn doch in seiner Wohnung sofort tötete.

Mehr Schein als Sein

Auf den teuflischen Plan war er verfallen, weil das Ende seiner Aufschneiderexistenz nahte: Das Bankkonto überzogen, an der Börse verspekuliert, dazu die elf Jahre jüngere Freundin, die er mit Prahlen und Protzen binden wollte, das er bei superreichen Freunden seiner Ibiza-Clique abkupferte. Es sei ihm um eine „einmalige Sache" gegangen, die „ohne Gewaltrisiko für ihn selbst und für das Opfer ablaufen müsse". Einen Monat vor der Tat entwirft er auf der elterlichen Schreibmaschine den Erpresserbrief, hegte die Hoffnung, „mit einem Schlag alle Probleme gelöst zu haben". Der 1,96-Riese mit geringem Selbstbewusstsein und der vom Gutachter erforschten Tendenz zu „mehr scheinen als sein", sucht sich ein Kind als Opfer. Er habe sein damaliges Leben „aufrecht erhalten wollen“, erzählte er, sich selbst andererseits aber „eine solche Tat niemals zugetraut“.

Die Entführung endete mit der denkbar größten Katastrophe. Angesichts des Geständnisses wie der Faktenlage hatte es Anwalt Endres mit einem hoffnungslosen Fall zu tun.

Erst das Ermittlungsverfahren gegen Polizeivizepräsident Daschner wegen des Verdachts der Aussageerpressung lässt ihm wieder eine Chance, zumal es der Chefpolizist bei der Vorwärtsverteidigung nicht unterlassen mag, seine kleine Folterlehre drastisch auszuschmücken. Was immer man G. im Kommissariat 12 androhte, er war sofort bereit, auszupacken.

Im April wird ihm am Frankfurter Landgericht der Prozess gemacht. An der Fassade steht in großen Lettern: „Die Würde des Menschen ist unantastbar."

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