Welt : Als Erstes trifft es die Kinder

Nach der Flut in Bangladesch: Bis Jahresende sind 20 Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfe angewiesen

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Halb ohnmächtig liegt die Frau auf der Pritsche, ein ausgezehrtes Bündel Mensch. Ihr Atem geht schnell, die Augen flackern. Die Diarrhö hat ihren Körper ausgelaugt. Löffelweise flößt ihr ein Helfer Flüssigkeit ein. Sie ist vielleicht Anfang 30. Zwei Kinder habe sie, einen Sohn und eine Tochter. Die Kinder bräuchten sie doch jetzt. Die Frau mit den eingefallenen Wangen hat Glück, sie wird medizinisch behandelt – sie wird überleben.

Fernsehbilder wie diese erschüttern seit Wochen die Welt. Aber sie lassen das Leid allenfalls erahnen, das Millionen Menschen in Bangladesch und Indien erleben. Niemand weiß genau, wie viele bei der Flutkatastrophe umgekommen sind. Manche sprechen von 1000, andere von 1500 oder mehr. Aber es werden noch viel mehr Tote befürchtet, wenn nicht schnell Hilfe kommt: Zwar gehen die Wassermassen endlich zurück, aber nun kommen Seuchen und Hunger.

Die Regierung von Bangladesch schlug diese Woche Alarm: Das Land werde in den nächsten fünf Monaten Nahrung für 20 Millionen Menschen brauchen, sagte der zuständige Minister Chowdhury Kamal. Die Fluten hätten Ernten, Vorräte und Arbeitsplätze vernichtet. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef appellierte an die Weltgemeinschaft, 13,4 Millionen Dollar als Notfallhilfe zu geben. „Die Kinder zehren von ihren Reserven“, warnte Unicef. Allein in Bangladesch sollen sechs Millionen Kinder in Notunterkünften leben. Es fehlt an fast allem. Viele Menschen sind gezwungen, verdrecktes Wasser zu trinken und verfaulte Nahrung zu essen. Das Wasser mischt sich mit Abfall, Fäkalien und Chemikalien zu einer lebensgefährlichen Brühe. Binnen weniger Tage sind Tausende an Durchfall, Cholera oder Typhus erkrankt. Im Akkord kämpfen Ärzte und Helfer in eiligst errichteten Notfallkliniken um Leben. Als Erstes trifft es die Kinder, die Alten und Kranken. 60 Menschen starben, die meisten Kinder.

Bangladesch ist mit 140 Millionen Einwohnern eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt, und zugleich eines der ärmsten. Jahr für Jahr werden große Gebiete im Monsun überschwemmt, aber eine solche Katastrophe hat das Land seit Jahren nicht erlebt. Weit über die Hälfte wurde geflutet, stellenweise bis zu 20 Meter hoch. 20 bis 30 Millionen Menschen sind obdachlos. Nur langsam wird das Ausmaß der Katastrophe offenbar: Felder sind verwüstet, Straßen, Brücken, Schulen und Krankenhäuser zerstört oder beschädigt. Die Regierung schätzt die Schäden auf bis zu sieben Milliarden Dollar.

Der Regen war stärker als Dämme und Deiche. Selbst die Hauptstadt Dhaka stand zu fast 50 Prozent unter Wasser. Noch immer schwappt das Wasser stellenweise knietief oder höher, weil es nur langsam abfließt. Die Bilder machen betroffen: Ein Mädchen, etwa sieben, acht Jahre, schwimmt durch die Brühe, mühsam hält sie den Kopf über Wasser, zwischen die Zähne hat sie einen Beutel mit Pulver zur Rehydrierung bei Durchfall geklemmt – Hilfe für die Familie. Am schlimmsten trifft es die Menschen auf dem Lande. Ganze Gebiete sind von Hilfe abgeschnitten. Dicht gedrängt harren Millionen Menschen in Notunterkünften aus, hausen in Unterständen aus Plastikplanen und Bambus. Andere haben sich auf Brücken, Boote oder Sandbänke gerettet, eingeschlossen in einem Meer von Wasser.

Helfer versuchen, mit Booten und Lastwagen den Hilfsbedürftigen Lebensmittel und sauberes Trinkwasser zu bringen. Die Lage kann sich verschärfen, wenn die Menschen zu ihren Häusern zurückkehren und von dem leben müssen, was sie noch vorfinden, fürchten Experten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben