Welt : „Als ob eine Bombe einschlug“

Zugunglück in Nordkorea mit bis zu 3000 Toten und Verletzten – doch eine offizielle Bestätigung gab es zunächst nicht

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Seoul/Berlin. Starben bei dem Zugunglück in Nordkorea am Donnerstag hunderte, gar tausende Menschen? Ist es das schwerste Zugunglück in der Eisenbahngeschichte gewesen? Bis in den späten Abend hinein waren die Angaben zu dem Unglück spärlich oder widersprüchlich. Nur südkoreanische Medien berichteten unter Berufung auf Augenzeugen und chinesische Quellen von dem Zusammenstoß der beiden Züge im Bahnhof der Stadt Ryongchon. Der eine soll mit Benzin, der andere mit Flüssiggas beladen gewesen sein. Anderen Berichten zufolge war nur ein Zug mit Gefahrgut beladen, der andere ein normaler Güterzug. Aus Südkorea verlautete, das abgeschottete Regime Nordkoreas habe den Notfall in der Region von Ryongchon, nahe der Grenze zu China, ausgerufen. Doch eine offizielle Bestätigung aus Pjöngjang gab es nicht, ebenso wenig Bilder vom Unglücksort.

Auch aus China gab es keine offizielle Bestätigung, obwohl den Berichten zufolge auch Chinesen unter den Opfern gewesen sind und Verletzte in die Krankenhäuser der chinesischen Grenzstadt Dandong gebracht wurden. Das Unglück ereignete sich nach den südkoreanischen Berichten offenbar um 13 Uhr Ortszeit, das heißt um 6 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ). Die ersten Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen aber liefen erst zehn Stunden später, kurz nach 16 Uhr MESZ, über die Ticker.

Die Grenze Nordkoreas zu China ist nicht völlig geschlossen, Chinesen etwa können in die Grenzregionen Nordkoreas einreisen und treiben dort wohl auch Handel. Sebastian Harnisch, Nordkoreaexperte an der Universität Trier, sagte dem Tagesspiegel, der Grenzverkehr sei durchaus rege. „Viele, die als Chinesen bezeichnet werden, sind Teil der koreanischen Minderheit in China.“ Sie dürften Nordkorea besuchen und würden häufig Verwandte mit Lebensmitteln versorgen. In Nordkorea herrscht seit Jahren eine angespannte Versorgungslage, von Hungersnöten ist immer wieder die Rede. Die Versorgung mit Brennstoffen läuft vor allem über China.

„Der Bahnhof wurde zerstört, als ob eine Bombe eingeschlagen wäre, und Trümmer flogen kilometerweit durch die Luft“, zitierte die südkoreanische Agentur Yonhap nicht näher bezeichnete chinesische Quellen. Andererseits sagte ein chinesischer Eisenbahnarbeiter am Grenzübergang Dandong der Agentur Reuters, er habe nichts von Notfallmaßnahmen mitbekommen. Offenbar hatten sich chinesische Behörden aber auf einen Hilfseinsatz jenseits der Grenze eingestellt, doch kam es bis zum Abend nicht dazu. kaum Die hohe Zahl an Opfern könnte darauf hindeuten, dass ein Wohngebiet in der Nähe des Unglücksorts betroffen war.

Über die möglichen Ursachen des Unglücks gab es zunächst nur vage Spekulationen. Laut Experten ist das nordkoreanische Eisenbahnsystem völlig veraltet – Dampflokomotiven sind noch gängig – und teilweise marode. Oft bleiben Züge stehen, weil den E-Loks der Strom fehlt. Möglicherweise war menschliches Versagen der Grund, dass die Züge zusammenstießen.

Für einen Anschlag gab es keine Hinweise. Entsprechende Vermutungen wurden durch die Tatsache genährt, dass der Zug mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Il nur Stunden zuvor auf der Rückreise von Peking durch den Bahnhof von Ryongchon gefahren ist. Allerdings berichteten nordkoreanische Medien am Donnerstagabend erstmals über den dreitägigen Besuch Kim Jong Ils in Peking, der zuvor beendet worden war. Dies wurde als Bestätigung für die Rückkehr des Diktators nach Pjöngjang gewertet. Bewohner in Pjöngjang berichteten per Telefon, die Lage in der nordkoreanischen Hauptstadt sei normal. Das Fernsehen sende Militärmärsche – das übliche Abendprogramm. cw/Tsp

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