Welt : Alternativ essen: "Wir töten, um zu leben" (Interview)

Herr Schweisfurth[welche Qualität hat heute]

Karl Ludwig Schweisfurth (69) war Eigentümer des Fleisch- und Wurstkonzerns Herta. Nach dessen Verkauf gründete er den biologischen Musterhof "Hermannsdorfer Landwerkstätten". Mit ihm sprach Manfred Kriener.



Herr Schweisfurth, welche Qualität hat heute das durchschnittliche Produkt in den Fleischtheken der Supermärkte?

Mehr als 90 Prozent aller Schweine, Kälber und Hühner werden in Intensivmast gehalten. Die Tiere kennen kein Tageslicht, keine frische Luft, keine Bewegung. Sie fressen einen Eiweißmix aus aller Herren Länder: Soja aus Südamerika, Tepicka aus Indonesien, dazu Fisch- und Tierkörpermehle, also das, was von kranken, verendeten Tieren übrig geblieben ist. Das bringt keine Qualität.

Trotzdem bietet die Intensivmast ein Produkt an, mit dem die meisten Kunden zufrieden sind? Sind Tiere robuster, als wir glauben?

Nein, die Tiere sind lange nicht so robust, wie wir denken. Ich verstehe nun wirklich etwas von Fleisch. Die Qualitätsunterschiede zwischen der industriellen Mast und der Aufzucht in einem Betrieb mit artgerechter Haltung sind enorm. Das schmeckt man.

Auch in Biobetrieben werden Turbohühner gehalten, die verrückt sind vor lauter Eierlegen und sich gegenseitig tothacken.

Wir müssen uns um eine eigene Zucht bemühen, um Rassen, die unter natürlichen Bedingungen gute Leistungen bringen. Das gilt vor allem fürs Geflügel. In der Freilandhaltung wissen manche Hochzuchtrassen mit ihrer Freiheit gar nichts mehr anzufangen.

Die Biobetriebe stehen unter dem Druck des Marktes. Das Fleisch soll billig sein.

Das Leben ist voller Versuchungen, und manchmal werden Grenzen leider überschritten. Wir müssen dem Kunden immer wieder sagen, dass er für ein ethisch hochstehendes Produkt und für mehr Geschmack auch mehr bezahlen muss.

Kann es für Hühner und Schweine einen guten Tod geben?

Ich habe mich als Metzger immer wieder gefragt, wer uns überhaupt das Recht gibt, ein Tier zu töten. Mittlerweile glaube ich, dass es ein Grundgesetz des Lebens ist. Wir töten, um zu leben. Das ist tragisch, aber ich habe gelernt, es zu akzeptieren. Doch wenn ich schon ein Tier töte, dann muss ich dafür sorgen, dass es gut gelebt hat.

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