Welt : Alternatives Energieprojekt: Ein Dorf unter Bio-Strom

Reimar Paul

Wir befinden uns im Jahr 2002. Der Treibhauseffekt hat weiter zugenommen, doch ganz Deutschland bezieht seinen Strom immer noch aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas oder aus der ökologisch nicht weniger fragwürdigen Spaltung von Urankernen. Ganz Deutschland? Nein. Ein von umweltbewussten Menschen bewohntes Dorf im südlichen Niedersachsen produziert seine Energie selber. Sauber und preiswert.

So oder so ähnlich stellen sich Wissenschaftler der Universitäten Göttingen und Kassel das Ergebnis ihres Vorhabens "Das Bioenergiedorf" vor. "Wir wollen die komplette Strom- und Wärmeversorgung einer ländlichen Siedlung mit bis zu tausend Einwohnern aus Biomasse sicherstellen", erläutert die Göttinger Agrarwissenschaftlerin Hanna Toben die ehrgeizigen Ziele des bundesweit einmaligen Projektes. Mit der Finanzierungszusage des Bundeslandwirtschaftsministerium ist der offizielle Startschuss gefallen. In einem ersten Schritt suchen die Forscher nun nach einem geeigneten Dorf in der Region.

Die 16 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen wissen, wie die Umstellung der Energieversorgung einer ganzen Gemeinde technisch machbar wäre. Ein in eigener Regie betriebenes Blockheizkraftwerk soll Holz, Stroh und Pflanzenreste verbrennen und dabei Strom und Heizungswärme liefern. Während für die Stromeinspeisung und Stromverteilung das vorhandene Leitungsnetz genutzt und nebenbei auch überschüssiger Strom an ein größeres Energieversorgungsunternehmen verkauft werden kann, muss für die Verteilung der Wärme für Heizungen und Brauchwasser ein neues Leitungsnetz installiert werden.

Gas, das in mikrobiologischen Prozessen beim Zerfall von organischer Substanz wie zum Beispiel Rübenblättern und Gülle entsteht, könnte einen weiteren Beitrag zur Versorgung des künftigen Bioenergiedorfes leisten, meint Hanna Toben. "Biomasse ist zu hundert Prozent C0 2-neutral", sagt die Wissenschaftlerin. Kein zusätzliches Gramm des Klima schädigenden Kohlendioxid werde frei gesetzt. Und anders als Wind- oder Sonnenenergie, sei Biomasse zudem "unbegrenzt lagerfähig".

Um eine Umstellung der dörflichen Energieversorgung zu erreichen, bedarf es aber mehr als technischer Findigkeit. "Wenn Bevölkerung, Gemeinderäte und alle anderen Gremien nicht eng zusammenarbeiten, klappt das nicht", warnt der Politologe Thilo Jahn. Bei der Auswahl der Modell-Gemeinde sind deshalb nicht nur äußere Bedingungen wichtig, auch die Bereitschaft zu "partizipativen Planungen" zählt. Die Göttinger Wissenschaftler versprechen, alle Schritte des Projektes eng mit den Bewohnern abzustimmen, regelmäßig zu Bürgerversammlungen einzuladen und "Planungswerkstätten" einzurichten. 24 Orts- und Gemeinderäte wurden in den vergangenen Tagen angeschrieben. Von einigen, so Jahn, "haben wir schon positive Rückmeldungen". Spätestens im Sommer wollen die Wissenschaftler das zukünftige Bioenergiedorf benennen können.

Für die ebenfalls im Projekt mitarbeitende Psychologin Swantje Eigner liegen die Chancen des Vorhabens auf der Hand. Die Menschen im Bioenergiedorf hätten "begründete Aussicht", ihre wirtschaftliche und soziale Lebenssituation zu verbessern. Durch ihre Beteiligung an dem Projekt lieferten sie zudem einen konkreten Beitrag zum globalen Umweltschutz. Eigner rechnet damit, dass sich viele andere ländliche Gemeinden an dem Biodorf ein Beispiel nehmen und ähnliche Projekte realisieren werden. Und das nicht zuletzt wegen der potenziell weiter steigenden Öl- und Gaspreise.

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