Welt : Am 17. Oktober hoffen in Marpingen wieder Zehntausende auf Marienerscheinungen

Gerd Meiser

Marpingens Bürgermeister Werner Laub (SPD) hat keine gute Zeit. Statt sich bei den Bürgern um seine im November anstehende Wiederwahl zu bewerben, muss er sich mit frommen Seelen auseinandersetzen. Sie stürmen seit Mai dieses Jahres in regelmäßigen Abständen seine aus vier Ortsteilen bestehende Gemeinde mit 12 000 Einwohnern, weil im nahen Gemeindewald die Muttergottes erscheinen soll.

Am 17. Oktober wird Rekordbesuch befürchtet: 40 000 Pilger. Sie alle warten auf das Wunder im Marpinger Härtelwald. Hier versicherten im Jahre 1876 drei Kinder, ihnen sei die Muttergottes erschienen. Im Mai 1999 wiederholte sich nun die Geschichte: Drei Frauen, die 24-jährige Musikpädagogin Christine Ney aus Ensdorf, die 30-jährige Hotelfachfrau Marion Guttmann aus Neunkirchen und die 35-jährige Judith Hiber aus Hierscheid gaben an, die Muttergottes zu sehen. Zwölfmal erschien sie bisher, zuerst in Begleitung von "großen und kleinen Engeln und einer Taube", später dann auch in Begleitung von Jesus.

Hintergrund des Szenarios soll der Wunsch des 81-jährigen Pastors Helmut Maria Gressung und treuer Gefolgsleute sein, Marpingen zu einem Wallfahrtsort umzufunktionieren. Organisiert wird die Szene um die "Erscheinungen" von einem seit 1966 bestehenden Kapellenverein. Der Verein hat das Gelände um die anlässlich der "Erscheinung" im vergangenen Jahrhundert errichtete Kapelle gepachtet. Fast 100 000 Menschen waren insgesamt zu den zwölf "Erscheinungstagen" nach Marpingen gereist.

Der weltoffene Trierer Bischof Dr. Hermann Josef Spital hat inzwischen eine Untersuchungskommission ins Leben gerufen, die ihre Arbeit unter Weihbischof Felix Genn aufgenommen hat. Der Bischof, arg gebeutelt durch die Finanzaffäre eines engen Mitarbeiters im Caritas-Bereich, hat sich nur insofern zu den Vorgängen geäußert, als dass er in einem mehrseitigen Rundschreiben seine Priester aufgefordert hat, nicht von "Erscheinungen" und "Seherinnen" zu sprechen.

In Marpingen aber herrscht in diesen Herbsttagen Unruhe. Die Gemeinde ist in die unterschiedlichsten Lager geteilt: Die Frommen, die dem Kapellenverein und an die Erscheinung glauben, Katholiken, die zwar regelmäßig in den Härtelwald beten gehen, nun aber von den Erscheinungen nicht viel halten und sie als "Kommerz" abtun, und jene, die sich nur maßlos über die Invasion der Pilger ärgern. Und dann ist da noch der nach außen hin gelassene, doch sehr verunsicherte Bürgermeister. Der Gemeinderat hat nun eine Einwohnerbefragung nach dem Selbstverwaltungsgesetz der Kommunen genehmigt. Die Bürger werden bis zum 22. Oktober gefragt, ob sich die Gemeinde aktiv darum bemühen soll, dass Marpingen ein Wallfahrtsort "vergleichbar Lourdes, Fatima oder Medjugorje" wird; ob die Gemeinde die bisher entstandenen Kosten von über 60 000 Mark dem Kapellenverein anlasten und ihm auch den Pachtvertrag für das Gelände um die Kapelle aufkündigen soll und ob die zum Kapellengelände gehörende Quelle auf Gemeindekosten zu sanieren ist: Dieses Quellwasser ist zurzeit mit Kolibakterien behaftet, wird allerdings als "Gnadenwasser" von den Pilgern getrunken oder für Waschungen benutzt.

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