• Am Sonntag will Stefan Raab in Stockholm siegen. Im deutschen Fernsehen hat er schon gewonnen

Welt : Am Sonntag will Stefan Raab in Stockholm siegen. Im deutschen Fernsehen hat er schon gewonnen

Harald Martenstein

wadde hadde dudde da?

wadde hadde dudde da?

hadder denn da wat, un wenn ja, wat hadder da

hadder da watt glatt, oder hadder da wat haar da

hadder da wat, wat sonst keiner hat

oder hadder dat auf dat, dat wadder da hat

dat wadder da da hat, dat hadder nu ma da

(aus dem Text des deutschen Beitrags zum Grand Prix de la Chanson 2000)

Im Juli 1999 veröffentlichte die Zeitschrift "Amica" ein Interview mit dem Moderator und Musiker Stefan Raab. Mit dem kommenden Superstar des deutschen Fernsehens. Wem würden Sie eher nacheifern, fragte "Amica", Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt? Raab antwortete: "Wohl Harald Schmidt."

So ähnlich antwortete er damals immer. Die Berufung auf Schmidt, sein Vorbild, gehörte jahrelang zu den Standards der Stefan-Raab-Interviews, zusammen mit dem Satz "Man darf nicht gierig sein", den er auf Fragen nach seinen Finanzen bringt, und der Beteuerung, dass er niemanden verletzen will, auch wenn es auf den ersten Blick gelegentlich danach aussieht. "Ich mache mich nie aus Hass lustig", sagt er dann, oder: "Ich kann nachdenklich sein. Aber das Leben ist so kurz."

In der vergangenen Woche veröffentlichte der "Spiegel" ein Interview mit Harald Schmidt. Es ging auch um Stefan Raab. Es war etwas passiert, zwischen diesen beiden. Raab hatte in seiner Sendung ein Spottlied auf Harald Schmidt gesungen, jetzt sagte auch Harald Schmidt böse Dinge. "Raab ist der Nachfolger von Thomas Gottschalk. Das ist so, wie Schäuble der Nachfolger von Kohl wurde." Harald Schmidt stieß seinen Kronprinzen von sich, seinen langjährigen Fan, demonstrativ.

Raab hat sich über eine zänkische sächsische Hausfrau namens Regina Zindler lustig gemacht und einen ironischen Megahit fabriziert, mit dem Titel "Maschendrahtzaun". Schmidt zum Thema Maschendrahtzaun: "Für mich kommen als Opfer nur Prominente in Frage, hoch bezahlte, eitle Menschen... Ich würde mich immer fragen: Was wäre, wenn das deine Eltern wären? Wir brauchen jeden Tag standrechtliche Exekutionen, aber es muss die Richtigen treffen."

Nanu, war das wirklich der gleiche Schmidt, der seine Sendung lange Zeit mit zwei drolligen Chinesen schmückte, der Polenwitz-Schmidt, der Schmidt, der die "Dicken Kinder von Landau" erfunden hat? Schmidt, ein Moralist? Das Gespräch wurde noch seltsamer. Plötzlich redete Harald Schmidt so, wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Christian Kracht schreiben, die Anti-Ironiker in ihrem Bestseller "Tristesse Royale". Harald Schmidt sagte, dass die witzigen Zeiten vorbei sind, und dass er sich selber neu erfinden möchte: "Nach der Ironie kommt das Pathos. Diese Zeit ist schon angebrochen. Ich bin pathosfähig... Es gibt Menschen, die sind witzig, andere sind es nicht. Einen Banker, der ein schräger Typ sein will, den finde ich anstrengend."

Keine Witze mehr. Und das fordert Harald Schmidt.

Man muss eine Geschichte erzählen. Die Geschichte dreier Männer, die alle drei katholische Gymnasiasten waren. Die Geschichte der Ironie im deutschen Fernsehen.

Die Ironie hat im deutschen Fernsehen gesiegt, als Thomas Gottschalk kam. Gottschalk, Jahrgang 1950, hat die Normalzuschauer endgültig locker gemacht. Ein ehemaliger Lehrer. Dann kam Schmidt, Harald Schmidt, Jahrgang 1957, ein ehemaliger Schauspielschüler und Kabarettist. Schmidt, so könnte man sagen, lockerte die deutsche Linke, die letzte humorresistente Zone der Gesellschaft. Schmidt konnte sogar Polenwitze erzählen, weil seine politische Sozialisation über jeden Zweifel erhaben war. Schmidt zitierte den Rassismus, spielerisch, um zu zeigen, wie weit die Mehrheit der Gesellschaft sich von echtem Rassismus bereits entfernt hatte. Wahrscheinlich war das ein Irrtum, aber es kam an. Schmidt ist jedenfalls Kult, das heißt: nicht mehrheitsfähig, im Gegensatz zu Gottschalk. Als Moderator der Familiensendung "Verstehen Sie Spaß?" - versteckte Kamera, praktizierte Schadenfreude - war Harald Schmidt nicht ganz so erfolgreich.

Und nun gibt es also Stefan Raab, Jahrgang 1966. Wem soll Raab noch nacheifern? Er ist längst wie Gottschalk und Schmidt in einer Person. Raabs Show "TV Total" ist Thema auf den Schulhöfen und in der Uni-Mensa und genauso auf Ballermann 6. Raab ist Kult, und er erreicht trotzdem das Zentrum der Gesellschaft. Raab verhält sich zu Gottschalk und Schmidt wie der kleine Bruder, der kampflos alle Freiheiten bekommt, weil seine großen Brüder sie bereits für ihn durchgesetzt haben. Der lockere Typ, der auf eine bereits vollständig durchlockerte Gesellschaft trifft.

Raab, Sohn eines Metzgers aus Köln-Sülz, war Funker bei der Bundeswehr und studierte ein paar Semester Jura, gleichzeitig absolvierte er eine Schlachterlehre. In seinen Anfängen ist nichts von Bohème zu finden, auch nichts Politisches. Auf dem Gymnasium hat er sich selbst einige Instrumente beigebracht. Es war ein Jesuitenkolleg, ein bisschen religiös ist Raab bis heute: "Für das, was ich zahle, könnte ich bei der Kommunion ein Scheibchen Wurst auf der Hostie verlangen."

1990 macht er sich als Musikproduzent selbstständig. Raab komponiert für "Punica" und "Burger King" und ein paar Fernsehsendungen, zum Beispiel für Verona Feldbusch. Sein Aufstieg beginnt, als der Musiksender Viva ihn als Moderator entdeckt. Raabs Show "Vivasion" funktioniert bereits ähnlich wie "TV Total" - es kommt darauf an, die Fernsehwelt nach Kuriosa zu durchforsten, Leute auf den Arm zu nehmen, Leute zu provozieren, am besten Prominente, aber auch Normalos, falls sie einen gepiercten Penis oder einen Maschendrahtzaun vorzuweisen haben. Hauptbestandteil der Mischung ist Schadenfreude, wie bei der versteckten Kamera. Mag sein, dass die Ironie am Ende ist. Aber wer sagt, dass nach ihr das Pathos kommt, als neues Leitgefühl, und nicht Schadenfreude?

Die Höhepunkte von Stefan Raabs Schaffen sind, in vielerlei Hinsicht, die Frage an Franziska van Almsick, ob sie schon einmal ins Beckenwasser gepinkelt habe, und die Bezeichnung von Verona Feldbusch als "Wichsvorlage", beides live und ins Angesicht der betreffenden Personen. Und wenn irgendwo im deutschen Fernsehen einem Moderator versehentlich der Hosenschlitz offen steht, dann kommt es bei Raab, da darf man sicher sein, und das muss man ganz locker sehen.

Harald Schmidt bereitet seine Shows minutiös vor. Raab ist spontan. Wenn ich in einer Sendung mal scheiße drauf bin, hat er einmal gesagt, dann wird eben Kacke gesendet. Und im Gegensatz zu Schmidt beteuert Raab bei jeder Gelegenheit, wie gutartig er ist. "Ich bin ein Typ, der nach einer Zote sagt: Das war nur ein Scherz, das war nicht so gemeint." Raab ist mehr als nur "schlau, unpolitisch, skrupellos und harmlos", wie der "Spiegel" ihn genannt hat - im Grunde ist er alles und nichts, ein Nullmedium, ein leeres Blatt, das sich in jeder Sendung mit einer Zaubertinte vollschreibt, die hinterher spurlos verschwindet, weil alles nicht so gemeint war. Zu der Moderatorin Katja Burkhardt, die er wegen ihres Lispelns zur Lachnummer gemacht hat, sagte er: "Liebe Katja, mein Job ist es, Späße auf Kosten anderer zu machen. Dafür werde ich bezahlt. Dein Job ist es, bei RTL darüber zu berichten, wenn ich gegen den Baum fahre. Dafür wirst du bezahlt."

Inzwischen ist Lockerheit Pflicht, und Humorlosigkeit dürfte, neben dem Antisemitismus, zurzeit das einzige echte Tabu der deutschen Gesellschaft sein. Deshalb kann man diejenigen an den Fingern einer Hand abzählen, die sich jemals gegen die brachiale Scherzmaschine Raab zur Wehr gesetzt haben. Es sind Götz George, Peter Maffay, Angela Merkel und der Frankfurter Rapper Moses P., der Raab aus Humorlosigkeit sogar die Nase gebrochen hat.

Seit 1994 hat Stefan Raab jedes Jahr einen Top-Ten-Hit gehabt. Als Sänger, als Komponist oder Produzent. Fernsehshow, CD-Produktion und Internet, alles perfekt aufeinander abgestimmt. 1998 war das Jahr, in dem Raab den Sänger Guildo Horn beim Grand Prix de la Chanson groß herausbrachte. 1999 war das Jahr des "Maschendrahtzauns", eine Million verkaufte CDs. Und 2000 ist das Jahr, in dem Raab selber beim Grand Prix antritt, mit "Wadde Hadde Dudde da" und einem satten Bläsersatz, mit Musikern in hellblauen Jacketts, Aufschrift "Team Germany", am Sonntag in Stockholm. Die Lockerheit ist beileibe kein deutscher Sonderweg, vielleicht wird es sogar der internationale Durchbruch, und schlechter als 1995 kann es sowieso nicht werden, als die Schnulze "Verliebt in Dich" einen einzigen Punkt gekriegt hat, und zwar aus Malta.

Aber warum redet Harald Schmidt schlecht über Stefan Raab? Stefan Raabs "TV Total" wird von "Brainpool" produziert, in Köln. Man muss wissen, dass "Brainpool" der ehemalige Produzent der Harald-Schmidt-Show ist und dass Schmidt sich dort abgeseilt hat. Er wollte sich lieber selber produzieren, verständlicherweise, weil es so lukrativer ist. Daran wäre die Brainpool AG fast kaputtgegangen. Bis sie Raab bekommen haben, als neuen Star. Raab hat sie gerettet. Und der Chef von "Brainpool", Jörg Grabosch, scheint Harald Schmidt die Sache nachzutragen. "TV Total" wird demnächst vier Mal pro Woche kommen, als Late-Night-Show. Ein direkter Angriff auf Schmidt. Man könnte sagen: Rache. Man könnte auch sagen: dass sie schlecht voneinander reden, Harald Schmidt und Stefan Raab, hat ökonomische Gründe. Es ist so viel Comedy in der Welt, und so viel Schadenfreude, man hatte es beinahe vergessen - das ökonomische Interesse gibt es ja auch noch, und es ist ein mächtiger Motor, der die Menschen zu vielerlei bewegen kann, sogar zu einer schlechten Meinung über jemanden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar