Welt : Amerikas Nordosten versinkt im Schnee

In Kanada und den USA Verkehrschaos, Stromausfälle und Tote. Klimaforscher: Gleiche Auslöser wie bei Hurrikan „Sandy“.

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Knochenarbeit. Viele Menschen verbrachten wie dieser Mann in Massachusetts Stunden damit, die Zugänge zu ihren Häusern freizuschaufeln. Foto: Darren McCollester/AFP
Knochenarbeit. Viele Menschen verbrachten wie dieser Mann in Massachusetts Stunden damit, die Zugänge zu ihren Häusern...Foto: REUTERS

Der Blizzard „Nemo“ hat den gesamten amerikanischen Nordosten mit einer dicken Schneedecke überzogen. Drei Monate nach dem verheerenden Wirbelsturm Sandy, der im Oktober an der US-Ostküste 120 Menschen das Leben gekostet und zehntausende Häuser zerstört hatte, reißt der Schneesturm, der den Namen Nemo trägt, „alte Wunden auf“, schrieb die „New York Times“. An der Küste wurde befürchtet, dass der bis zu 120 Stundenkilometer starke Wind erneut eine Sturmflut auslösen könnte. Fünf US-Staaten – New York, Massachusetts, Connecticut, New Hampshire und Rhode Island – erklärten den Notstand. Massachusetts, Connecticut und Rhode Island sperrten ihre Straßen komplett für Privatverkehr und verboten unter der Androhung von Geld- und Haftstrafen private Autofahrten, meldete CNN. In Massachusetts drohten jedem, der auf der Straße erwischt wurde, bis zu einem Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe bis zu 500 Dollar. Boston glich zeitweise einer Geisterstadt.

Die betroffene Region erstreckt sich von Pennsylvania bis nach Maine und die kanadischen Zentral- und Ostprovinzen Ontario und Quebec sowie Kanadas Atlantikgebiet. Der heftige Schneefall hatte am Donnerstagabend begonnen und in weiten Teilen der Region bis in den frühen Samstag angehalten. In den Neuengland-Staaten fielen binnen weniger Stunden mancherorts bis zu 70 Zentimeter Schnee. Zwischen New York und Boston waren es in der Nacht zum Samstag sogar stellenweise bis zu zwei Meter.

Ab Freitagmorgen hatten Fluggesellschaften Flüge abgesagt. Betroffen waren alle großen Flughäfen im Nordosten, aber die Auswirkungen waren in den ganzen USA und Kanada zu spüren. Am stärksten waren in den USA LaGuardia in New York, Liberty in Newark, Logan in Boston und O’Hara in Chicago betroffen, wo rund 5300 Flüge gestrichen wurden. Am Samstagmorgen waren New Yorks Flughäfen John F. Kennedy, LaGuardia und Liberty zwar geöffnet, viele Flüge wurden aber abgesagt. Kanadas größter Flughafen, Pearson International in Toronto, strich die Hälfte aller Flüge, rund 800. Wo möglich, stiegen die Kunden auf die Bahn um.

Aber auch das war mit Problemen verbunden. Zwischen Toronto und der kanadischen Hauptstadt Ottawa blieben Züge am Freitagabend im Schnee stecken. Bahnpersonal musste bei Dunkelheit und heftigem Schneetreiben aussteigen, verschneite und vereiste Weichen freischaufeln und sie dann mit der Hand umstellen. In Kanadas größter Stadt, Toronto, waren 600 Schneepflüge seit Freitagmorgen pausenlos im Einsatz.

Selbst gestandene Basketball-Profis mussten sich der Macht des Schneesturms beugen. Einige für Samstag angesetzte Spiele der NBA wurden wegen „Nemo“ abgesagt, so etwa das Heimspiel der New York Knicks, die nach einem Spiel in Minneapolis ebenso im Mittleren Westen festsitzen wie die sonnenverwöhnten San Diego Spurs. Die kamen auf der Reise zu den Brooklyn Nets nach einem Zwischenstopp in Detroit nicht weiter.

Zahlreiche New Yorker hatten ungleich größere Sorgen. In der Acht-Millionen-Metropole am Hudson River verließen viele am Freitag ihre Büros vorsichtshalber frühzeitig. Dennoch kamen viele nicht nach Hause. Auf dem ohnehin überlasteten Long Island Expressway brachte heftiger Schneefall den Verkehr zum Erliegen, zahlreiche Autos steckten fest, die Abschlepptrucks waren überlastet. Hunderte Autofahrer mussten ihre Fahrzeuge daraufhin im Schnee zurücklassen und wurden von Rettungsteams in Notunterkünfte gebracht.

In der Nacht zum Samstag waren mehr als eine halbe Million Kunden der Elektrizitätsbetriebe in den USA von der Stromversorgung abgeschnitten. Allein in Massachusetts waren 400 000 Haushalte betroffen, in Connecticut 180 000. Hunderttausende, wenn nicht gar mehr als eine Million Menschen verbrachten die Nacht im Dunklen. Vielerorts wurden Notaufnahmelager geöffnet.

Ebenfalls in New York gab es das erste Todesopfer von „Nemo“. Nahe Poughkeepsie, eine halbe Stunde nördlich von Manhattan, verlor eine 18-Jährige im dichten Schneetreiben die Kontrolle über ihr Auto und überfuhr einen 74-Jährigen, der neben der Straße zu Fuß unterwegs war. Er erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. In Maine gab es eine Massenkarambolage mit 19 Fahrzeugen, deren Fahrer allerdings nur leichte Verletzungen erlitten.

Während in den USA und Kanada nur wenige Todesfälle durch wetterbedingte Verkehrsunfälle gemeldet wurden, überstieg aber das Schneeschaufeln die Kräfte vor allem älterer Menschen. In Hamilton in Ontario brach eine 80-jährige Frau tot zusammen, als sie vor ihrem Haus Schnee wegräumte, meldete der kanadische Rundfunk CBC. Im Raum Detroit erlitt ein Mann in den 60ern das gleiche Schicksal, meldete die Detroit Free Press.

Dem Unwetter beugte sich schließlich auch die Erzdiözese im sehr katholischen Boston: Gläubige sollten mit Bedacht über einen Gottesdienstbesuch am Sonntag befinden, hieß es dort vonseiten der Kirchenleitung. Laut Kirchenrecht, so heißt es, seien Katholiken von der Messe befreit, wenn „schwerwiegende Probleme“ einen Kirchgang unmöglich machten.

Viele unwettererprobte Amerikaner stellten bereits frühzeitig sicher, das Wochenende zu Hause verbringen zu können. Am Freitagnachmittag gab es lange Schlangen vor den Supermärkten und leer gekaufte Regale. Der Einzelhandel, vor allem die Baumärkte, gehört traditionell zu den Gewinnern jedes Unwetters. Auch mit Blick auf „Nemo“ wurden massenweise Taschenlampen, Batterien und Notstromaggregate abgesetzt. Es hatte sich schon früh herumgesprochen, dass der Wetterdienst den nahenden Blizzard nicht etwa nach einem kleinen Zeichentrick-Fisch benannt hatte, sondern nach dem raubeinigen Kapitän aus Jules Vernes „20 000 Meilen unter dem Meer“.

Fast schon normal ist angesichts des Schneesturms, dass in weiten Teilen des Nordostens der Strom ausfiel. Die völlig veraltete Infrastruktur in den USA, wo die meisten Stromleitungen nach wie vor überirdisch verlaufen und sich in den Metropolen in dichtem Chaos von Holzmast zu Holzmast schwingen, ist schweren Wetterlagen nicht gewachsen. Am längsten dürfte der Stromausfall diesmal in Plymouth im Bundesstaat Massachusetts dauern, wo 90 Prozent der Versorgung ausfielen. Dort musste auch das Atomkraftwerk Pilgrim vom Netz genommen werden, nachdem die externe Stromversorgung ausgefallen war. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde NRC bestand im Zusammenhang mit dem Atomkraftwerk zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Anwohner.

Gegen die Schneemassen auf den Straßen rückt indes eine ganze Armada schwerer Fahrzeuge aus. Massachusetts hat 3600 Schneepflüge im Einsatz, die 34 000 Tonnen Sand abwerfen. Der New Yorker Bürgermeister Mike Bloomberg, dessen Krisenmanagement nach einem Schneesturm vor zwei Jahren kritisiert wurde, hat 1800 Lastwagen und 350 Pflüge im Einsatz.

Unter Klima-Experten hat „Nemo“ erneut die Debatte um einen globalen Klimawandel angefacht. Nicht jedes katastrophale Unwetter sei auf eine Erwärmung des Klimas zurückzuführen, sagt Michal Mann von der Pennsylvania State University. Doch in einer wärmeren Atmosphäre gebe es grundsätzlich mehr Unwetter in stärkeren Ausmaßen. Bei einem Blizzard – ebenso wie bei Hurrikan „Sandy“ im Oktober – spielten zwei Faktoren die entscheidende Rolle: ein rascher Temperaturwechsel und hohe Luftfeuchtigkeit. Vor allem die Luftfeuchtigkeit sei in den letzten Jahren dramatisch gestiegen, sagte Mann. Seit den achtziger Jahren habe die Temperatur an der Wasseroberfläche des Atlantiks um zwei Grad zugelegt, was den jüngsten Anstieg katastrophaler Wetterereignisse fördere.

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