Amoklauf : Die verletzte Schweiz

Das Land, in dem acht Millionen Menschen zwei Millionen Feuerwaffen besitzen, wird erneut von einem Amoklauf erschüttert. Reservisten bewahren ihr Gewehr zu Hause auf. Alle Versuche, das zu ändern, stießen auf heftige Gegenwehr der konservativen Traditionalisten.

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Verwaist. Alle Mitarbeiter wurden nach Hause geschickt, Ermittler untersuchen das ganze Gelände der Firma. Foto: REUTERS
Verwaist. Alle Mitarbeiter wurden nach Hause geschickt, Ermittler untersuchen das ganze Gelände der Firma.Foto: REUTERS

Die Schweiz steht wieder unter Schock. Ein Amokläufer richtete am Mittwoch in dem 3000-Einwohner-Ort Menznau im Kanton Luzern ein Blutbad an. Der Täter erschoss zwei Menschen und sich selbst, und verletzte sieben weitere Personen teils schwer. Erst Anfang Januar hatte ein Waffennarr in einem Dorf im Kanton Wallis drei Frauen und zwei Männer erheblich verletzt.

Schweizer Medien rechnen jetzt mit neuen Diskussionen über ein schärferes Waffengesetz. Die jüngste Bluttat ereignete sich gegen 9 Uhr in der Holzverarbeitungsfabrik Kronospan, in der mehr als 400 Menschen arbeiten. Der Amokläufer schoss nach der bisherigen Tatrekonstruktion durch die Kantonspolizei in einigen Teilen des Betriebs, darunter der Kantine, mit einer Pistole gezielt auf Kollegen. Bei dem Täter handelt es sich um einen 42-jährigen Schweizer, der seit mehreren Jahren für Kronospan gearbeitet hatte.

Die Firma gab an, er sei unauffällig und ruhig gewesen. Ein Mitarbeiter erklärte jedoch gegenüber der „Neuen Luzerner Zeitung“, dass der Schütze – ein früherer Kickboxer – psychische Probleme gehabt habe. Der spätere Amokläufer, ein Maschinenführer, sei durch Selbstgespräche und andere seltsame Verhaltensweisen aufgefallen.

Das Motiv des Täters bleibt nach Angaben der Kantonspolizei bisher unklar. Das Massaker löste große Bestürzung aus. „Wir sind schockiert“, sagte Urs Fluder von der Kronospan-Geschäftsleitung. Man werde alles Mögliche tun, um den Angehörigen der Opfer zu helfen.

Die Firma, die unter anderem Spanplatten herstellt, stoppte die Produktion vorläufig. „Unvorstellbar, was da passierte“, sagte Therese Meyer, Präsidentin des lokalen Gewerbeverbandes gegenüber der Lokalpresse. Sie habe in den letzten Wochen nichts Negatives aus dem Unternehmen gehört. „Jeder im Dorf, ja gar in der Region, kennt Kronospan in Menznau.“

Seit 2000 erschüttern fast jährlich Schießereien die Eidgenossenschaft. Den höchsten Blutzoll forderte ein schwerbewaffneter Mann 2001 im Zuger Kantonalsparlament. Er eröffnete im vollbesetzten Saal das Feuer, erschoss 14 Menschen und richtete sich anschließend selbst. Experten schätzen, dass in dem Land mit knapp acht Millionen Einwohnern mehr als zwei Millionen Feuerwaffen im Umlauf sind. Die meisten Waffen liegen in den Kleiderschränken von Reservisten, die ihr Armeegewehr zu Hause aufbewahren.

Befürworter schärferer Regeln kritisieren deshalb vor allem das Schweizer Militär, weil das Aufbewahren der Waffen Risiken birgt. Alle Versuche, diese Tradition zu ändern, stieß auf den erbitterten Widerstand konservativer Kräfte, für die die allgemeine Bewaffnung des Schweizervolks unabänderlich zur nationalen Identität und zum Unbesiegbarkeitsmythos der Alpenfestung gehört.

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