Welt : Amoklauf in Erfurt: Ein Sonntag der Trauer

Silke Becker

Der kleine Junge mag nicht mehr. 20 Minuten hat er in dem großen Festsaal ausgehalten, und dann wollte er nicht weiter zuhören. Die Erwachsenen erzählen ja doch immer das gleiche, sagt er, wie "schrecklich, schrecklich, schrecklich es ist", und das müsse ja jetzt keiner mehr sagen, das weiß ja jeder.

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Nun sitzt der zarte dunkelhaarige Junge aus der siebten Klasse der Gutenberg-Schule draußen auf der Treppe und reibt sich sein Kinn. Seine Freunde wollte er eigentlich hier treffen, aber sie sind nicht gekommen. Eine halbe Stunde vorher, morgens um zehn Uhr, hatte das Elterntreffen im Festsaal des Rathauses begonnen. Ein großer Raum mit Wandmalereien, dunkelvertäfelten Wänden und vier riesigen Kronleuchtern unter der Decke. Die orangebezogenen Stühle, die hier ausgestellt sind, reichen nicht. 700 Schüler besuchen die Gutenberg-Schule und deren Eltern sind wohl fast alle gekommen. Sie hatten sich am Samstagnachmittag per Telefonkette verständigt, dass sie ein Treffen wollen, einen Ort, wo sie darüber reden können, wie es jetzt weitergeht, was sie ihren Kindern sagen sollen, und, dann muss ja eigentlich heute morgen wieder die Schule beginnen.

Die meisten Eltern sind sehr früh da, einige haben ihre Kinder im Arm, viele sind dunkel gekleidet. Aber mit Reportern will hier keiner mehr reden, weil die meisten gar nicht mehr wüssten, was sie noch Neues sagen sollen, außer immer wieder über ihre Fassungslosigkeit zu sprechen. Manchmal laufen Frauen mit verweinten Augen aus dem Festsaal heraus. In den Nebenräumen sitzen Psychologen zum Krisendienst, Frauen und Männer, die in Eschede waren. Auch Sanitäter sind da, falls jemand einen Kreislaufkollaps bekommen sollte.

Aber das große blonde Mädchen mit den langen Haaren, der braunen Cordhose und einem Rock darüber winkt nur ab. Sie will keine Beratung, sie geht nach unten, muss jetzt dringend eine rauchen. Sie würde schon die ganze Zeit herumlaufen und sich bewegen, weil sie glaubt, das würde gut tun. Sie war am Freitag, nachdem sie Schüsse gehört hatte, gemeinsam mit ihrer Deutschlehrerin aus dem Klassenraum gestürmt. Auf dem Flur liefen sie dem Täter Robert Steinhäuser genau in die Arme. Das Mädchen aus der elften Klasse stand direkt daneben, als Robert Steinhäuser die Schüsse auf die Lehrerin abfeuerte und sie laufen ließ. Auch Ronni Möckel war einer ihrer Freunde, der 15-Jährige, der nun tot ist und der oft mit dem Täter seine Zeit verbrachte. Sie und der 15-jährige Ronni saßen oft zusammen an der Kremerbrücke, dem Punktreff, keine 500 Meter vom Marktplatz entfernt.

Oben im zweiten Stock des Rathauses steht nun einer der Psychologen vom Kriseninterventionsteam vor der Tür und sieht auf ein paar PDS-Politiker der Stadt, die hier stehen. Rolf Bock war auch schon in Eschede dabei. Er kommt aus Bonn und ist seit Freitagabend in der Stadt. Insgesamt 100 Psychologen sind aus anderen Städten angereist, die sich jetzt um Eltern, Lehrer, Schüler und Angehörige kümmern. Aber "goldene Worte" oder "gute Tipps", sagt Rolf Bock, gebe es in solchen Momenten nie. Man müsse zuhören, es aushalten. Manchmal rät Rolf Bock den Menschen, dass sie die Veränderungen an sich selbst beobachten sollen, dann würden sie merken wie der Schmerz nachlässt, wie sich Wut einstellt.

Manchmal hört man aus dem Festsaal großen Applaus. In diesen Momenten wird entschieden, dass die Gutenberg-Schule weiter bestehen soll, dass das alte Gebäude auch weiterhin als Schule genutzt wird. Ein Notfallplan vom Wochenende sah vor, dass die Schüler Montagmorgen in Bussen vom Gutenbergplatz abgeholt werden und auf andere Schulen verteilt werden. So schnell kann sowieso keiner wieder in das Gebäude, noch soll dort Blut zu sehen sein und Einschusslöcher an den Wänden.

Der Vater von Andreas aus der zwölften Klasse, der seinen Namen nicht nennen möchte, findet es gut, die Schule weiter bestehen zu lassen. Er findet, dass man das Gebäude umgestalten müsste, Räume und Flure verändern, so dass es nicht unmittelbar an das Geschehene erinnert. "Ich bin kein Architekt", sagt er und zuckt mit den Schultern.

Sein großer Sohn Andreas, der am Freitag 18 Jahre alt geworden ist, und morgens Abiturprüfung in Englisch hatte, gehörte mit zu den letzten, die aus dem Gebäude kamen. Er hatte im vierten Stock, in Raum 404 Englischprüfung. Genau die Arbeit, die eigentlich auch Robert Steinhäuser hätte mitschreiben müssen. Andreas hat mit Robert Steinhäuser in vielen Kursen zusammen gesessen. Aber bis in den vierten Stock kam der Täter am Freitag nicht. Nachdem sie Schüsse gehört hatten, rückten sie gemeinsam mit ihrer Lehrerin, Frau Werner, Schränke vor die Tür. Sie blieben da, bis das SEK-Team sie am frühen Nachmittag herausholte. Die Leichen auf den Gängen waren mit Plastikfolie verdeckt worden. "Seht nicht hin", sagten die Polizisten noch, aber sie haben doch gesehen wer, da lag, die Plastikfolien waren verrutscht.

Ein paar Eltern und Schulsprecher erklären sich bereit, mit auf die folgende Pressekonferenz zu gehen. Wieder ein alter holzgetäfelter Raum und wieder wird die vorbildliche Schule betont, an der im vergangenen Jahr erste Gewaltpräventionstrainings stattfanden. An einem Frühlingstag letztes Jahr wurden in der Aula der Gutenberg-Schule die Direktoren sämtlicher Erfurter Gymnasien in Gewaltprävention ausgebildet. Und unten im Eingang des Rathauses steht Frau Duft, eine Geschichtslehrerin aus der Oberstufe. Eine kleine zarte Frau mit dunklen Haaren und rotgefärbten Strähnen darin. Sie hat ihre Mutter dabei und umarmt jetzt viele Schüler, die aus der Veranstaltung kommen. Die Lehrer treffen sich später im Kultusministerium, um ebenfalls darüber zu reden, wie es jetzt weitergehen kann. Ein modernes Gebäude in Erfurt-Süd. Vor dem Eingang stehen fünf Sicherheitsbeamte und passen auf, dass nur Befugte auf das Gelände kommen. Wahrscheinlich ist auch Anke Roschke mit ihrem Mann dabei. Der hat gesagt, ihn interessiere überhaupt nicht dieser Schüler Robert Steinhäuser, und warum der das getan hat. Er habe nur Angst um die Lehrer.

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