Welt : Amoklauf in Erfurt: Wie sich eine Katastrophe von innen anfühlt

Rico Czerwinski

Sie waren in Lassing, als die Erde einstürzte, waren beim Seilbahnunglück in Galtür und auf den Trümmern von Eschede. Sie sagen, dass sie wissen, "wie sich eine Katastrophe von innen anfühlt", und als die ersten Bilder im Fernsehen liefen, sind sie losgefahren. Sie sitzen im Gästehaus des Erfurter Innenministeriums und telefonieren, und ihr Chef sagt: "Das hat mit Lassing oder Eschede nichts zu tun. Das hier könnte das Bild vieler Menschen voneinander verändern."

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Er heißt Gerhard Kunert, er war Dachdecker, Feuerwehrmann, Rettungsassistent. Er ist Psychologe und nennt sich selbst einen "Notfallexperten". Seine Firma ist die "INNOT GmbH", die "interdisziplinäre Notfallmanagement und -training GmbH", eine "Unternehmensberatung für Extremsituationen". Meistens trainiert sie Angestellte großer Unternehmen, versucht, sie auf Unvorhersehbares vorzubereiten: auf Katastrophen, einen Überfall, den Selbstmord eines Kollegen im Büro. Und wenn dann wirklich etwas passiert, fahren sie hin und gehören zu denen mit einem halbwegs kühlen Kopf. Nun koordinieren sie für die Erfurter Polizei die Beratung von Opfern, Angehörigen und allen, die keine Antworten auf ihre Fragen haben. Kunert und seine Kollegen haben in den letzten 24 Stunden einen Psychologenpool gebildet, da riefen Psychologen aus ganz Thüringen an und wollten helfen.

Kunert beschreibt das Problem: "Stellen Sie sich vor Sie sitzen neben einem Menschen und unterhalten sich, und dann fällt er aus dem Sessel und bewegt sich nicht. Wie lange, denken Sie brauchen Sie, bis Sie anfangen, Erste Hilfe zu leisten." Vielleicht fünf Sekunden? Zehn? "Die meisten Menschen brauchen drei bis fünf Minuten bis sie etwas wirklich Vernünftiges tun können. Sowas muss man trainieren, und das beste Training ist so ein Ernstfall. Aber nicht jeder Polizist hatte schon mal einen Ernstfall. Und schon gar keinen wie diesen." Die Katastrophe vom Freitag unterscheidet sich grundlegend von Verkehrsunfällen, von Stürmen oder Überschwemmungen: das hier sei ein Man-made Desaster, absichtlich verursacht von einem Menschen. Ein Erdbeben etwa, ein Selfmade-Desaster, würde von vielen Menschen zwar als etwas Schreckliches angesehen, aber als Unglück, das irgendwie passiert sei. Hier sei der Schuldige einer von ihnen, ein Erfurter den man vielleicht mal auf der Straße nach der Uhrzeit gefragt hätte. Nun hat er 16 andere getötet: "Da werden bestimmte Vorstellungen von Mitmenschen zerstört."

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