Welt : Amoklauf schürt Debatte um Waffen Täter von Dossenheim war Sportschütze

Dossenheim - Dossenheim, idyllisch gelegen am Fuße des Odenwaldes, ist keine großen Kriminalfälle gewohnt. „Sonst ist es eine Sensation, wenn ein Fahrrad geklaut wird, jetzt wird auf einmal geschossen“, sagt ein Ladenbesitzer. Jetzt ist die 12 000-Einwohner-Gemeinde bei Heidelberg Schauplatz eines Amoklaufs geworden. Der Fall heizt mitten im Bundestagswahlkampf den alten Streit um Waffenbesitz wieder an: Der Täter war Sportschütze.

Ein 71-jähriger Rentner hatte wegen eines Streits um die Nebenkosten seiner Eigentumswohnung bei einer Eigentümerversammlung am Dienstagabend zwei Männer und dann sich selbst erschossen. Wie der Leiter der Heidelberger Staatsanwaltschaft, Alexander Schwarz, am Mittwoch sagte, fühlte sich der Mann betrogen von den Miteigentümern. Der Rentner war seit Jahrzehnten Mitglied in einem Schützenverein, sagte der Einsatzleiter der Polizei, Siegfried Kolmar. Der Mann habe sich bis zu seiner Tat nichts zuschulden kommen lassen. „Er hat bisher völlig unauffällig gelebt.“

Der Mann war wegen des Streits bei der Versammlung vom Verwalter der Eigentümergesellschaft des Raums verwiesen worden. Kurz darauf kam er zurück, rief „Ich bring euch alle um!“ und eröffnete mit einer großkalibrigen Pistole das Feuer. Zwei 82 und 54 Jahre alte Männer starben. Auch die 70-jährige Ehefrau des Schützen, die mit in der Versammlung im Nebenraum einer Sportgaststätte saß, wurde verletzt. Insgesamt waren acht Menschen in dem Raum.

Sportschützen haben in Deutschland schon mehrfach Bluttaten verübt. Die Folge waren stets politische Debatten, aber auch schärfere Gesetze: 2002 etwa stieg die Altersgrenze für Kauf und Besitz von Schusswaffen bei Sportschützen von 18 auf 21. Dossenheim hat am Morgen danach fast nur ein Thema. Immer wieder kommen Schaulustige zum Tatort, aber auch Menschen, die am Abend die Tat teilweise miterleben mussten. Ein älterer Mann erzählt, er habe auf der Gaststättenterrasse im ersten Stock gesessen, als er etwa 10 bis 15 Schüsse gehört habe. „Wir waren wie verdattert. Danach war es ganz still. Dann sind alle runtergerannt.“ Die Bluttat ruft nicht nur bei den Menschen in Dossenheim Erinnerungen an Winnenden und Wendlingen wach, wo ein 17-Jähriger 2009 an seiner ehemaligen Schule und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst erschoss - mit der Waffe des Vaters. Eine Dossenheimer Passantin sagt, nun müsse endlich etwas geschehen. „Munition und Waffen müssen getrennt gelagert werden, man sieht ja, was sonst passiert.“

Auch das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden pocht einmal mehr auf schärfere Waffengesetze. Es ist wohl nur der erste Tag einer längeren Debatte. Kaum vorstellbar, das Thema im Wahlkampf zu umgehen. Der Fall schürt Ängste, die in Deutschland zuletzt wieder etwas aus dem Blick geraten waren. Eine Dossenheimerin sagt: „Gestern habe ich gedacht, wenn der noch rumläuft und flüchtet, dann kann der bei uns im Garten stehen.“ dpa

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